Die zukünftige Präsidentin der Uni Lübeck: Gabriele Gillessen-KaesbachJohann Mattutat | StudentenPACK.

Die zukünftige Präsidentin der Uni Lübeck: Gabriele Gillessen-Kaesbach.

Der Akademische Senat der Universität hat gewählt: Professor Dr. Gabriele Gillessen-Kaesbach wird neue Uni-Präsidentin. Damit tritt sie in der ersten Jahreshälfte 2018 die Nachfolge von Professor Dr. Hendrik Lehnert an, der sein Amt vorzeitig niederlegt. Im Interview spricht die erste Frau an der Spitze der Universität nicht nur über die Zukunft der Uni, sondern auch über Mut, Kommunikation und ihren Lieblingslärm. Einen Überblick über ihren bisherigen Werdegang gibt dieser Artikel.

StudentenPACK: Warum sind gerade Sie die richtige Präsidentin für unsere Uni?

Gabriele Gillessen-Kaesbach: Das sollen die beurteilen, die mich gewählt haben. Ich habe mich zur Wahl gestellt, weil wir momentan eine besondere Situation vor uns haben: Es bestand theoretisch die Möglichkeit, dass drei externe Kandidaten unsere Universität leiten werden. Der Präsident hat frühzeitig sein Amt zur Verfügung gestellt. Der Kanzler ist zum Staatssekretär berufen worden. Und das Hochschulgesetz sieht einen neuen Posten des Vizepräsidenten Medizin vor. Also habe ich meinen Hut als interne Kandidatin in den Ring geworfen.

StudentenPACK: Wie wichtig ist es – oder ist es überhaupt wichtig –, dass zum ersten Mal eine Frau diese Uni leitet?

Gillessen-Kaesbach: Nicht so wichtig, wie viele meinen. Am Ende muss er oder sie sich durch gute Arbeit beweisen. Dass ich nun die erste Präsidentin dieser Uni bin, erfüllt mich weniger mit Stolz als vielmehr mit Freude.

StudentenPACK: Die erste Frau waren Sie ja schon an mehreren Stellen.

Gillessen-Kaesbach: Stimmt. Als ich mich damals an der Universität in Essen habilitiert habe, war ich auch da die erste Frau. Jetzt ist das glücklicherweise nichts Besonderes mehr. Dennoch besteht immer noch ein Missverhältnis bei Habilitationen zwischen Frauen und Männern.

StudentenPACK: Was können Sie als doch sehr erfolgreiche Frau anderen Frauen mit auf den Weg geben?

Gillessen-Kaesbach: Mut, den eigenen Weg zu gehen. Ich bin Mutter von zwei Kindern und meinen ersten Sohn habe ich bekommen, als ich in der Kinderklinik gearbeitet habe – mit Nachtdiensten und allem. Das war am Anfang ganz schön schwer. Aber: Wenn man an sich glaubt und eine Vision hat, dann sollte man sich nicht davon abbringen lassen, diesen Weg zu gehen. Diesen Mut wünsche ich allen, die sich vorstellen können, eine wissenschaftliche Karriere zu machen.

StudentenPACK: Sie kommen aus der Sektion Medizin, es kennt Sie folglich nicht jeder auf dem Campus aus der Vorlesung. Würden Sie sich für die anderen Leser kurz vorstellen – was Sie so machen, wo Sie herkommen?

Gillessen-Kaesbach: Ich komme – wie so viele Mediziner – aus einem Ärztehaushalt. Mein Vater war Landarzt und ich habe mich als Kind schon immer dafür interessiert, was er macht. Ich bin oft mit ihm auf die Besuchstouren durch die Dörfer gefahren, zu Bauern, bei denen es auch behinderte Familienmitglieder gab. Die seltenen Erkrankungen haben mich immer fasziniert. Ich habe mich damals aber zunächst entschlossen, eine pädiatrische Ausbildung zu machen. Mein Interesse für seltene Erkrankungen und die Entstehung von Krankheiten hat mich schließlich zur Humangenetik geführt. Mit Herz und Seele. Damals wurde das erste Gen identifiziert – für zystische Fibrose, für Muskeldystrophie Duchenne. Es herrschte Aufbruchsstimmung in der Humangenetik, eine spannende Zeit und es ging Schlag auf Schlag. Lange war es so, dass der klinische Blick wichtig war, um die entsprechende Diagnostik in die Wege leiten zu können. Heute ist es im Prinzip andersherum: Man macht ein Exom, ein Genom oder Pendeldiagnostik, analysiert und vermittelt es dann den Menschen in der genetischen Beratung. Diese Pionierarbeit im Bereich Diagnose hat sich deutlich verändert.
Es ist für mich nach vielen Jahren klinischer Tätigkeit ein guter Zeitpunkt, noch einmal eine andere Vision vor mir zu haben. Drei Jahre war ich Vizepräsidentin gewesen. Wenige Monate nachdem ich dieses Amt aufgegeben hatte, bin ich an Brustkrebs erkrankt. Ich habe versucht, am Institut zu arbeiten, hatte aber im Grunde ganz andere Dinge im Kopf. Als ich wieder genesen war, habe ich die Flucht nach vorne angetreten. Ich habe mich dann im SAM engagiert, bin Stellvertreterin von Professsor Thomas Münte geworden und auch in anderen Gremien aktiv gewesen. Ich habe viele Universitäten kennengelernt, die Universität zu Lübeck ist mir ans Herz gewachsen. Sie ist sehr besonders und ich schätze den persönlichen Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen und zu den Studierenden sehr.

Gabriele Gillessen-Kaesbach bei der Vorstellung im Senat.Johann Mattutat | StudentenPACK.

Gabriele Gillessen-Kaesbach bei der Vorstellung im Senat.

PACK: Man könnte den Eindruck bekommen, dass Sie eine Frau der klaren Worte sind. Was können wir in der Hinsicht von Ihnen erwarten?

Gillessen-Kaesbach: Ich wünsche mir bottom-up-Prozesse, keine top-down-Prozesse. Mir ist wichtig, eine Kommunikatorin zu sein und konkrete Strategien gemeinsam zu erarbeiten, bevor ich sie zur Abstimmung stelle. Auch die Kommunikation mit den Studierenden ist mir wichtig. Ich wünsche mir, dass man nicht erst miteinander spricht, wenn es Probleme gibt. Ich stelle mir da Round-Table-Gespräche vor. Das wäre eine richtig gute Sache, die mir Spaß machen würde. Wir könnten besprechen, was gerade gut läuft und wo es Schwierigkeiten gibt.

PACK: Eine Umbenennung wird von Ihnen also nicht wieder auf die Tagesordnung gesetzt?

Gillessen-Kaesbach: Nein. Diese Uni hat in kurzer Zeit schon fünf Namen gehabt. Ich finde, ‚Universität zu Lübeck‘ ist eine Marke. Die würde ich nicht verändern.

PACK: Sie haben in Lübeck beispielsweise im Bereich der Präimplantationsdiagnostik erhebliche Forschungserfolge erzielt. Werden Sie weiter am Institut forschen können oder wird die Forschung nun hinter der Arbeit als Präsidentin zurückstecken müssen?

Gillessen-Kaesbach: Ich werde nicht so weiter forschen können wie bisher und versuchen, die Institutsleitung zum ersten Januar zu übergeben. Den Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen und Patientinnen und Patienten möchte ich aber halten. Wie genau müssen wir sehen. Ich bin in der glücklichen Situation, dass Professor Frank Kaiser, ein Naturwissenschaftler aus Essen, im Institut eine W3-Professur hat. Da wird die kommissarische Leitung gut geregelt sein. Mit der MVZ und Dr. Yorck Hellenbroich als ärztlichem Leiter lag die Führung des Instituts schon immer auf mehreren Schultern. Meine Stelle muss dann zeitnah ausgeschrieben werden. Ich werde kommendes Jahr 65, im nächsten Jahr wäre die Entscheidung, wer meine Position in Zukunft besetzen soll, ohnehin auf meine Mitarbeiter zugekommen. Es ist jetzt also lediglich das Vorziehen einer Entscheidung, die ohnehin im Raum stand.

PACK: Sie arbeiten seit 2006 auf dem Campus, kennen seitdem die Uni und das UKSH. Haben Sie Veränderungen erlebt, die Sie besonders gefreut haben oder welche, die Sie am liebsten rückgängig machen würden?

Gillessen-Kaesbach: Vieles hat sich zum Guten entwickelt. Vor der Änderung der Verfassung gab es beispielsweise keine optimale Struktur für das Präsidium oder die Verwaltung. Der erfolgreiche Kampf für den Erhalt der Lübecker Uni hat mich natürlich gefreut und die positive Beurteilung durch den Wissenschaftsrat. Mit Blick auf das UKSH wächst der Druck in Geld-, Raum- und Stellenfragen. Ich werde in die Gespräche gehen und mich bestmöglich für die Universität einsetzen.

Proteste zum Erhalt der Uni Lübeck 2010Eva Jehle

Proteste zum Erhalt der Uni Lübeck 2010.

PACK: Es gab in den letzten Jahren viele neue Studiengänge. Wie ist Ihre Position dazu, soll die Universität eine Volluniversität werden? Sollen noch mehr Studiengänge geschaffen werden?

Gillessen-Kaesbach: Ich glaube, wir haben ein Limit erreicht, was die Kapazitäten und Möglichkeiten betrifft, um alle Studierenden vernünftig arbeiten zu lassen. Ich glaube, dass jetzt der Zeitpunkt für Konsolidierung gekommen ist. Die Mittel als Stiftungsuniversität sind beschränkt. Wir haben durch die Bund-Länder-Finanzierung eine ganze Menge Geld bekommen, und es dadurch geschafft, die Gesundheitswissenschaften- und Psychologie-Studiengänge aufzubauen. Dort müssen jetzt die Professuren verstetigt und neue Professuren geschaffen werden. Ich möchte nicht sagen, dass es gar keine neuen Studiengänge geben wird, aber meiner Meinung nach sind wir am Limit.

PACK: Das wird sicher manch einen hier freuen. Gerade das Platzproblem auf dem Campus, in der Bibliothek und bei der Suche nach Seminarräumen wird von den Studierenden ja immer wieder thematisiert…

Gillessen-Kaesbach: … Ja, wir müssen die Möglichkeiten der Stiftungsuniversität nutzen und Gelder einwerben. Das Geld vom Land allein reicht nicht. Containerlösungen sind besser als gar keine Lösungen, aber keine Dauerlösungen. Ich kann jetzt nicht versprechen, dass ab 2018 ein neues Lehrgebäude oder eines für Studierende errichtet wird. Wir müssen uns zum Ziel setzen, zusätzliche Gelder einzuwerben, sodass wir Strukturen schaffen, die für die Studierenden ein besseres Arbeiten ermöglichen.

PACK: Die Uni ist jetzt schon im dritten Jahr Stiftungsuniversität, in den ersten beiden Jahren wurden 5,8 Millionen Euro an Stiftungsgeldern eingeworben. Strategisches Entwicklungsziel für das Jahr 2025 sind 50 Millionen Euro, das ist ambitioniert. Wie möchten Sie das erreichen?

Gillessen-Kaesbach: Wir müssen das Fundraising stärken. Die Stabsstelle hat bisher primär Transferprojekte auf den Weg gebracht. Kooperationen wie die mit Cisco sind wunderbar. Wir brauchen eine Strategie, mehr Förderer zu finden, die sich mit der Universität identifizieren. Ich möchte die Alumni und die Lübecker Bürgerinnen und Bürger viel stärker einbeziehen, als wir es bisher gemacht haben. Es zählt jeder Euro. Ich bin überzeugt, dass man diese Identifizierung mit der Uni erreichen kann, wenn wir attraktive Projekte und Ideen entwickeln.

Gabriele Gillessen-Kaesbach und ihr Vorgänger Hendrik LehnertJohann Mattutat | StudentenPACK.

Gabriele Gillessen-Kaesbach und ihr Vorgänger Hendrik Lehnert.

PACK: Sie treten die Nachfolge von Professor Lehnert an. Wo möchten Sie seinen Weg weitergehen und wo möchten Sie neue Akzente setzen?

Gillessen-Kaesbach: Professor Hendrik Lehnert hat für diese Universität sehr viel getan und erreicht. Vor allem im Forschungsbereich, man denke nur an das CBBM. Ich will dort ansetzen und werde mich für ein Haus der Medizintechnik einsetzen, genauso wie ich mich für eine Verbesserung der Lern- und Wohnsituation der Studierenden einsetzen werde. Ich möchte die Kommunikation unserer Universität stärken. Vor allem mit der Hansestadt und dem Land. Wir sind Partner der anderen Hochschulen im Land, aber auch Konkurrenten. Die Kieler Hochschulen genießen den örtlichen Vorteil, näher dran zu sein. Ich werde auf einen regelmäßigen Austausch setzen und sehr schnell das Gespräch mit dem neuen Ministerpräsidenten Daniel Günther sowie seinem Staatssekretär suchen.

PACK: Sie hatten in Ihrer Bewerbungsrede angesprochen, dass auch die MINT mit der Informatik einen weiteren Forschungsschwerpunkt bekommen solle. Haben Sie da schon eine Vision?

Gillessen-Kaesbach: Wir haben ganz viele Forschungsprojekte, die mit Digitalisierung zu tun haben. Ich möchte meine Kolleginnen und Kollegen ermutigen, ihre Projekte auf den Weg zu bringen und helfen, Geld für die Umsetzung einzuwerben. Wir haben vier Lehrstühle für Informatik – da gibt’s natürlich einige Projekte, die auch mit der Medizin im Bereich der Bildgebung zusammenarbeiten. Ich bin sehr dafür, die Sichtbarkeit der MINT-Fächer zu erhöhen.

PACK: Zum Abschluss: Ihr Vorvorgänger, Professor Dominiak, hat einst Baulärm als den schönsten Lärm bezeichnet…

Gillessen-Kaesbach: … Daran habe ich heute Morgen noch gedacht, weil seit sieben Monaten ein benachbartes Haus renoviert wird und ich seitdem jeden Morgen um sechs Uhr von irgendwelchen Bohrmaschinen geweckt werde. Herr Dominiak bezog es aber auf die Campus-Baustellen und das kann ich voll und ganz unterstreichen. Wenn ich auf 2006 zurückblicke und heute über den Campus gehe, stimmt es mich froh, all das Neue zu sehen. Also, das Zitat von Herrn Dominiak kann ich nur unterstützen.

PACK: Was ist denn – abseits von Baustellen – Ihr Lieblingslärm?

Gillessen-Kaesbach: Musik! Ich spiele Akkordeon und das ist meine Leidenschaft. Ich habe – und das werde ich auch beibehalten – jeden Montagmorgen um acht Uhr Unterricht. Tango und Musette machen mich sehr froh.

PACK: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben!

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