„Kannst du meine Gedanken lesen?“Johann Mattutat | StudentenPACK.

„Kannst du meine Gedanken lesen?“

Mourad Zoubir hat den Preis für besonderes studentisches Engagement 2017 gewonnen. Neben der Arbeit für die Fachschaft Psychologie und in deren Prüfungsausschuss ist er Gründungsvorsitzender bei ROCK YOUR LIFE! und StudyHacks.

StudentenPACK: Herzlichen Glückwunsch zum Preis für besonderes studentisches Engagement. Wofür, denkst du, hast du ihn gewonnen?

Mourad Zoubir: Vielen herzlichen Dank! Ich habe mich sehr darüber gefreut. Zugleich möchte ich meinen Mitstreitern danken – ob bei ROCK YOUR LIFE!, der Fachschaft Psychologie oder bei StudyHacks – ohne die wäre rein gar nichts zu Stande gekommen. Ich kann mir vorstellen, dass ich als gemeinsamer Nenner dieser Projekte und als häufiger Werbe-Treibender in den Fokus des Auswahlkomitees gerückt bin.

PACK: Wie bist du zum Studium gekommen und warum studierst du Psychologie hier in Lübeck?

Mourad: Ich habe meinen Dienst bei der Bundeswehr in Eckernförde geleistet. Danach wollte ich im Norden bleiben und eine Ausbildung zum sozialpädagogischen Assistenten – die Vorstufe zum Erzieher/glorifizierten Babysitter – machen. Als ich mit der Ausbildung in Lübeck fertig war und das Abitur nachgeholt hatte, habe ich mich überall beworben. In Lübeck hat der Studiengang unter anderem eine biologische Ausrichtung; genau das, was ich wollte. Psychologie war mein Kindheitstraum. Ich wollte schon immer in die Köpfe der anderen Menschen hineinschauen. Jetzt, nachdem ich sechs Semester studiert habe, weiß ich, dass das nicht möglich ist. Aber vor allem dieses wissenschaftliche Vorgehen fasziniert mich. Wir machen diesen Test und als Ergebnis (wenn es gut validiert ist) können wir sagen, dass du mit so und so viel Wahrscheinlichkeit das hast – vielleicht. Das ist übrigens die langweilige Antwort auf „Kannst du meine Gedanken lesen?“. Eine der lustigen wäre jetzt beispielsweise „Ja. Du denkst an deine Mutter. #Freud“

PACK: Du hast die Fachschaft PSY mitgegründet. Ist die Fachschaft PSY anders als die Fachschaft MINT?

Mourad: Wir haben bemerkt, dass die Fachschaft MINT – das ist eine echt tolle Truppe, die eine hervorragende Arbeit macht – mit uns geringe Schnittmengen hat. Es gibt ein, zwei Module, die Psychologen und MINTler zusammen haben. Wir sprechen ansonsten von komplett anderen Welten. Deshalb war es für uns und die FS MINT sinnvoll, wenn wir uns als eine eigene Gruppe aufstellen. Wir haben dadurch mehr Psychologen in die Fachschaft bekommen, weil wir nur die Psychologen repräsentieren und wir uns damit leichter identifizieren konnten.

MINT ist vielleicht ein Oberbegriff, worein theoretisch die Psychologie fällt, aber in der Sektion gibt es Vorlesungen wie Analysis; da sitzen alle – außer die Psychologen – zusammen, lernen sich kennen und wachsen ein Stück weit zusammen. Das hatten wir nicht. Vergleichbar hatten wir Statistik 1 mit den Medieninformatikern, die dann lachten, weil uns erklärt wurde, dass das „große E“ ein S ist und für Summe steht. Als Studiengang Psychologie haben wir uns also zusammengefunden.

Die Arbeit in der Fachschaft PSY macht eine Menge Spaß und wir Psychologen haben ja auch unsere eigenen Interessen. Wir haben sehr viel Kontakt zu Menschen mit psychischen Störungen und dort gibt es sehr viele und sehr große Stigmata. Das ist ein Hauptthema, das wir in Angriff nehmen können. Oder die Bezahlung der PIAs (Psychotherapeuten in Ausbildung), die wir uns auch gerade vorknüpfen.

Die Verleihung des Preises für besonderes studentisches Engagement.Fabian Schwarze | StudentenPACK.

Die Verleihung des Preises für besonderes studentisches Engagement.

PACK: Was muss man bei der Gründung einer Fachschaft beachten?

Mourad: Man muss auf jeden Fall das richtige Leitbild haben. Wir sind Psychologen und unsere Veranstaltungen haben häufig Psychologie als roten Faden. Sogar der Maskenball wurde etwas von C. G. Jungs Persona inspiriert. Ich habe schon immer die Linux Install Parties oder Wargames and Waffles gefeiert – genau solche Veranstaltungen bauen ein Image auf, das zum Beispiel Informatiker sich mit der entsprechenden Fachschaft identifizieren lässt. Man muss eine Kohärenz aufzeigen. Das „Wie und mit welchen Veranstaltungen“ ist das Spannendste an der Arbeit – der Kreativität freien Lauf lassen also!

PACK: Neben der Fachschaft bist im Prüfungsausschuss der Psychologen tätig. Worum geht es dort?

Mourad: Das ist eine der interessantesten Schnittstellen zwischen Studiengangskoordination, Prüfungs- und Studiengangsordnung und den Studierenden. Es gibt einen Sprecher und einen Stellvertreter, die die Interessen der Studierendenschaft vertreten. Wir diskutieren und interagieren sehr viel, generell gilt aber, dass das, was im Prüfungsausschuss genau passiert, nicht öffentlich ist.

PACK: Was hat dich motiviert, in dem Ausschuss aktiv zu werden?

Mourad: Ich wollte was bewegen und hinter die Kulissen schauen. Das ist eine Sache, die toll bei uns an der Uni ist: Es gibt diese Möglichkeiten, etwas mitzugestalten. Das sollte man auf jeden Fall annehmen. Mir ging es früher auf den Keks, wenn Leute ankamen und sagten: „Die Leute da ganz oben haben dies und sie haben das gemacht und jenes. Wie blöd sind die denn?“ Und dann fragte ich: „Was hast du dagegen gemacht?“ „Nichts“ „Hast du mal eine E-Mail geschrieben?“ „Nein“. Also saßen sie da am Tisch und rasteten aus, was sich vielleicht gut anfühlte aber nicht sonderlich viel änderte. Mittlerweile sehe ich jetzt die Schwierigkeiten in jeder Situation – Entscheidungen zu treffen ist nicht einfach. Aber wenn man seine Anliegen nicht äußert, sind diese Entscheidungen einfacher und werden ohne dich getroffen.

Also empfehle ich dir: Nimm doch mal was in die Hand! Übernimm Verantwortung! Du wirst überrascht sein, wie viel du bewegen kannst.

PACK: Bei ROCK YOUR LIFE! Lübeck e.V. warst du bis vor kurzem im Vorsitz. Worum geht es bei ROCK YOUR LIFE!?

Mourad: ROCK YOUR LIFE! ist Eins-zu-Eins Mentoring für Schüler von Studierenden. Die Schüler der achten Klasse werden zwei Jahre lang von Studierenden betreut, nehmen die Berufsorientierung in Angriff und suchen ihre Stärken. Dazu holen wir Unternehmen dazu, die zum Beispiel mit Betriebsbesichtigungen praktische Einblicke in die Berufswelt bieten. RYL! ist ein mittlerweile internationales Netzwerk; den Lübecker Standort habe ich mit Freunden vor zwei Jahren gegründet.

Wir unterstützen das Mentoring mit Trainings und Workshops. Mindestens drei Trainings von RYL!-Coaches mit den Mentoren und Mentees: Wie gestaltet man eine Mentoring-Beziehung? Wie finde ich den richtigen Beruf? Was sind meine Stärken? Gerade planen wir mit der IHK Workshops, in denen wir zum Beispiel den Mentoren die Berufswelt und die Möglichkeiten von Ausbildungen näherbringen wollen. Viele Studierende aus Akademikerfamilien kennen sich nicht mit Ausbildungen aus, aber dafür mit Studium und Gymnasium. Deshalb holen wir die IHK heran. Das ist auch ganz spannend an der Arbeit im Orga-Team: Es gibt jede Menge neue Erfahrungen. Letztens war ich im Penthouse-Eckbüro einer großen Lübecker Firma, habe dort unser Konzept vorgestellt und über eine Kooperation gesprochen. Das sind Begegnungen, die man als „normaler“ Student nicht hat. Und wenn einen später in der Karriere solche Begegnungen erwarten, dann hat man bereits schon sehr viele Erfahrungen gemacht und ist seinen Mitbewerbern einen Schritt voraus.

PACK: In eurem Organiationsteam sind vor allem Medizin- und Psychologiestudenten vertreten und nur vereinzelt MINTler. Fehlen euch MINTler?

Mourad: (lacht) Ich glaube, das ist dadurch verschuldet, dass Mundpropaganda am besten wirkt. Als ich zum ersten Mal nach Mentoren und einem Orga-Team gesucht habe, habe ich das insbesondere in meinem Umfeld getan. Wir waren da eben mehr Mediziner und Psychologen. Aber wir haben dieses Jahr auch einige MINTler und einige von der Fachhochschule dabei. Wir sind also bunt durchmischt und glücklich darüber! Es gibt immer Vorurteile wie zum Beispiel „Informatiker sind introvertiert“. Das muss nicht stimmen. Und auch wenn man es ist: Mentor zu werden, bedeutet nicht gleich, extrovertiert zu sein. Es gibt genauso viele Schüler, die introvertiert oder schüchtern sind. Für die wäre ich mit meinem lauten Organ und 3000 Words per minute nicht der beste Kandidat. Was ich damit sagen möchte: Es gibt nicht „den“ Mentor – jeder kann einer sein.

PACK: Kommen wir zur nächsten Initiative, bei der du tätig bist. Wie kam es zur Entwicklung von StudyHacks?

Mourad: Das Projekt entstand dadurch, dass wir gesehen haben, dass es Defizite gibt, alleine, effektiv und regelmäßig zu lernen. Ich habe mich mit sechs Fachschaftskollegen zusammengesetzt und wir haben uns gefragt: Welche Werkzeuge können wir unseren Kommilitonen geben, damit Lernen reibungslos läuft und bestenfalls Spaß macht? Beim Konzept der Achtsamkeit geht es im Groben um Emotions- und Aufmerksamkeitsregulation. Der bekannteste Spruch ist „Die Gedanken fließen vorbei wie die Wolken am Himmel.“ Stellen wir uns den prototypischen Studenten vor: Sitzt am Schreibtisch und will lernen, kann er aber nicht, weil ein Gedanke ihn ablenkt. Staubsaugen, Pizza bestellen, Serien schauen. Dieser Gedanke, nicht darauf einzusteigen, das schaffen die meisten leider nicht. Und deshalb gehen sie in die Bibliothek, denn dort gibt es keine Möglichkeit, sich eine Pizza zu holen oder eine Serie zu schauen. Wenn du fokussiert, selbst-diszipliniert lernen kannst, brauchst du die Bibliothek nicht.

Dann gibt es noch praktische Themen zum Beispiel Zeit- beziehungsweise Selbstmanagement. Übrigens: Wisst ihr, was laut aktueller Forschung der wichtigste Faktor für gutes Selbstmanagement ist? Es sind nicht die angewandten Techniken, wie viel Zeit man hat oder ob man Vollzeit arbeitet. Es ist die Überzeugung davon, dass man die Zeit im Griff hat. Das heißt, nur das Besuchen eines Seminars über Zeitmanagement kann schon ausreichen, um einen positiven Effekt zu erzeugen.

Es gibt noch weitere Themen wie Lerntechniken, Schnelllesetechniken oder das Verfassen guter Mitschriften. Dazu haben wir Inhalte ausgearbeitet und zusammengeschrieben: Wir suchten uns gut validierte Materialien, Primärliteratur und Ratgeber aus und stellten das zusammen. Jetzt haben wir eine Sammlung aus Techniken, die wir anbieten. In sechs Sitzungen stellen wir je ein Thema vor, führen sie dann am gleichen Tag und in der folgenden Woche zusammen durch und sprechen darüber. Das ist wichtig, denn wie oft hast du dir online was durchgelesen und entschieden, es umzusetzen, es aber nie wieder getan?

Dieses Jahr pilotieren wir das Konzept bei den Psychologen, nächstes Jahr werden wir das ausweiten. Unser Traum ist, dass die Teilnehmer als Multiplikatoren wirken und das Gelernte weitergeben. Für diese Techniken muss man nicht studiert oder ein teures Seminar besucht haben, man muss sie nur ausprobieren und umsetzen.

PACK: Sucht man bei dir nach dem roten Faden, bekommt man schnell das Gefühl, dass du andere Leute motivierst, sich zu engagieren. Hast du ein Geheimrezept, wie man Leute dazu bekommt, sich zu engagieren?

Mourad: Wir haben alle ein Image, ein ideales Selbst, welches wir gerne wären. Wer ist dieser Mensch? Wie möchte ich betrachtet werden? Dann schaust du, was das Projekt ist und wie das zusammenpasst: Wie helfe ich jemandem „zu sich selbst zu finden“?

Nehmen wir zum Beispiel einen introvertierten Menschen, der viel Menschenkontakt mit fremden Menschen als belastend empfindet. Wenn ich mit ROCK YOUR LIFE! ankomme und ihm erzähle, dass er Öffentlichkeitsarbeit machen kann – im vollen Audimax einen Vortrag halten – wird er kein Interesse haben. Das passt vielleicht nicht zu seiner Persönlichkeit oder Interessen. Wenn ich ihm aber sage, dass ich jemanden brauche, der unsere IT-Infrastruktur aufrechterhält oder die Facebook-Seite pflegt, sieht das ganz anders aus. Das klingt vielleicht banal oder nach Marketing 101. Das ist aber etwas, das häufig schiefläuft.

Der von RYL! organisierte Science Slam 2016 war ein voller Erfolg.Klas Prillwitz

Der von RYL! organisierte Science Slam 2016 war ein voller Erfolg.

Nehmen wir einen klassischen Fall: „Party-Student“ glaubt, Fachschaftsarbeit seien dreistündige Sitzungen, in denen nur über Hochschul-Politik gelabert wird und in unregelmäßigen Abständen ein Umtrunk gestartet wird. Das wird er nicht machen wollen. Wenn er aber weiß, dass er selbst eine Feier ins Leben rufen könnte – keine Ahnung, das jährliche Toga-Fest oder eine Steampunk Party – inklusive Location, Design von Werbemitteln, Werbeaktionen an der Uni, Projekt-Koordination, Deko basteln, dann wird Engagement auf einmal viel schmackhafter. Und auch wenn er nur diese eine Sache im Jahr macht, hat er schon einen gigantischen Beitrag zur Gestaltung der Hochschullandschaft eingebracht.

Finde die Stärken und Interessen heraus. Wenn es gerade keine passende Lücke gibt, dann sei flexibel; schaue was deren Talente für neue Türen öffnen.

PACK: Wie schaffst du es, dein Studium und Engagement zu verknüpfen?

Mourad: Mein Vorteil ist, dass ich bereits viel gearbeitet habe. Alle, die schon für mehrere Wochen eine 40-Stunden-Arbeitswoche hatten, wissen, wie es ist, wenn man die ganze Zeit etwas zu tun hat und schlapp und fertig nach Hause kommt. Ich habe beim Bund so gearbeitet – zum Teil im 24/7-Einsatz. Zum Vergleich: Im Studium, wo man viel mehr Flexibilität hat, wird man fast verrückt. Ich weiß, wo meine Belastungsgrenze ist und – wie ich häufig meinen Kommilitonen sage: Die ist viel weiter weg als man denkt.

Auch sehe ich im Engagement einen Gewinn für mich, da ich sehr viele Erfahrungen sammeln kann und viele Menschen kennenlerne. Für viele geht es im Studium nur um ihren Abschluss. Aber das ist nur gut, wenn es ihr Lebensziel ist, zu arbeiten. Für mich und für viele andere gilt, wir studieren, um besser zu werden, um über uns hinauszuwachsen. Und das sollte beim Ehrenamt auch so gelten!

PACK: Sollte man sich direkt im ersten Semester neben dem Studium eine Beschäftigung oder Ehrenamt suchen?

Mourad: Ich finde schon. Viele Leute haben mir gesagt, ich solle erst einmal ankommen und sehen, wie viel Arbeit es ist. Was ich aber gelernt habe, ist, dass mehr Zeit nicht gleich bessere oder mehr Arbeit ist. Wenn ich viel zu tun habe, arbeite ich effizienter. Ich organisiere mich, ich plane voraus. Das ist noch eine dieser Sachen, die man lernt, aber nicht im Modulhandbuch findet. Vertraue in deine Fähigkeiten. Und wenn du dich übernimmst, dann mach eine Pause oder steig aus. Nein zu sagen war für mich eine schwierige Lektüre, das habe ich aber am Ende auch erlernt.

Auch weise ich auf meine Lieblingsmetapher hin: Jegliche Arbeit kann man als Sport sehen: Am Anfang denkst du, nach fünf Minuten kannst du nicht mehr. Aber dann machst du weiter anstatt aufzuhören. Und du merkst, dass du zehn Minuten laufen kannst. Und nach einer Stunde willst du gar nicht mehr aufhören.

PACK: Vielen Dank für das Gespräch.

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