Dr. Thomas Kötter führt die LUST-Studie an der Uni Lübeck seit 2011 durch.Johann Mattutat | StudentenPACK.

Dr. Thomas Kötter führt die LUST-Studie an der Uni Lübeck seit 2011 durch.

…denn Wohlbefinden ist in. Und spätestens seitdem klar ist, dass für ebendieses Wohlbefinden mehr nötig ist als die bloße Abwesenheit von offensichtlicher Krankheit, genügend Nahrung und vielleicht schönem Wetter, sucht die Wissenschaft nach mehr und mehr Faktoren dieser essentiellen Thematik. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass die psychische Gesundheit in modernen Gesellschaften eine zunehmende Rolle spielt – und dass sich das Erkennen und Verstehen der Einflüsse zum Teil ein wenig schwieriger gestaltet als bei vielen somatischen Erkrankungen. Und so gibt es eine wachsende Anzahl von Studien, die versuchen, den aktuellen Zustand der verschiedenen Gruppen in unserer Gesellschaft zu beschreiben. Eine dieser untersuchten Gruppen sind die Medizinstudenten. Denn klar ist: Mediziner sollen sich später einmal um das Wohlergehen anderer Mitglieder der Gesellschaft kümmern und da ist es von Vorteil, wenn sie später nicht vor allem sich selbst behandeln müssen. Außerdem gibt es das Gerücht, dass Medizinstudenten einem vergleichsweise hohen Lernaufwand ausgesetzt seien, was wiederum der sogenannten Work-Life-Balance nicht zuträglich sei – und damit verknüpft wohl die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen erhöhen könnte. Ein 2016 in der Fachzeitschrift der American Medical Association (AMA) veröffentlichtes Review, das rund 173 Studien aus insgesamt 43 Ländern einbezog, kommt jedenfalls zu keinem schönen Schluss: Im Durchschnitt scheinen 27,2 Prozent der insgesamt mehr als 120.000 befragten Medizinstudenten mit depressiven Symptomatiken zu kämpfen haben. Zum Vergleich: Das statistische Bundesamt gibt für die Altersgruppe von 18-29 eine 12-Monats-Prävalenz von etwa zehn Prozent an. Nun ist es allerdings so, dass die klar überwiegende Mehrzahl der berücksichtigten Studien sogenannte Querschnittstudien sind, was heißt, dass nur eine einmalige Befragung der Medizinstudenten einfloss. Das Review, im Übrigen initiiert von der renommierten Harvard Medical School in Boston, kommt so zu dem Schluss, dass eine genauere Untersuchung dieser Problematik dringend angezeigt wäre.

Es scheint sich anscheinend noch nicht nach Harvard rumgesprochen zu haben, dass die Universität zu Lübeck schon seit 2011 eine fortlaufende Studie zur Studierendengesundheit durchführt. Auch scheint man auf der anderen Seite des Atlantiks die ein oder andere Ausgabe vom StudentenPACK übergangen zu haben – im Juli letzten Jahres erschien an dieser Stelle nämlich bereits eine Vorstellung der ersten Zwischenergebnisse, die natürlich immer noch im Internet abrufbar ist. Das Besondere an den Lübeck-University-Student-Trials (LUST) ist, dass sie als sogenannte Längsschnittstudie die Entwicklung des Gesundheitszustandes der Studenten im Verlauf des Studiums beobachten will – und zwar nicht nur die der Medizinstudierenden: Zum Vergleich werden Studenten der MINT-Studiengänge ebenfalls mit einbezogen, um die Aussagekraft der Ergebnisse zu erhöhen. Und noch in einem weiteren Punkt hebt sich die Studie von anderen ab: Neben der Erfassung der psychischen Gesundheit werden nämlich außerdem Instrumente zur Erfassung von Persönlichkeitsmustern angewandt, um danach beides in einen Zusammenhang zu bringen.

Wie funktioniert das? Nach einem ersten Teil mit Fragen zur Gesundheitseinschätzung folgt ein weiterer Teil, der darauf abzielt, Persönlichkeitsprofile zu erstellen und außerdem die „Arbeitseinstellung“ zu erfragen. Dies zielt darauf ab, sogenannte „prädiktive Faktoren“ zur Gesundheitsentwicklung während des Studiums zu identifizieren. Konkret heißt das, zu schauen, ob Studenten, die sich beispielsweise durch ein hohes Perfektionsstreben in ihrer Arbeitseinstellung auszeichnen, langfristig „gesünder“ bleiben. In einer 2016 veröffentlichten Doktorarbeit zu den Lübeck University Student Trials werden hier erste Zusammenhänge geknüpft: Ein hohes Perfektionsstreben scheint der langfristigen psychischen Stabilität eher nicht zuträglich zu sein. MINT-Studierende erreichen somit durchschnittlich eine größere „innere Ruhe“ – bei weniger Perfektionsstreben. Doch es gibt noch weitere vorläufige Erkenntnisse, die sich interessant lesen: So würde man denken, dass Studierende, die angeben, eine hohe „soziale Unterstützung“ zu erfahren auch eine größere mentale Stabilität im Verlauf des Studium aufweisen. Dies ist wohl eher nicht der Fall. Eine höhere soziale Unterstützung scheint sich negativ auf die Vorhersage der subjektiven psychischen Gesundheit auszuwirken. Ein mögliches Szenario ist hier, dass es schwierig sein kann, soziale Beziehungen und eine steigende Arbeitsbelastung in der Uni unter einen Hut zu kriegen. Ist der gesunde Medizinstudent also ein Einzelgänger mit möglichst wenig sozialen Kontakten, dafür aber viel Zeit für die Uni? Und wäre ein solcher Mensch später auch ein guter Arzt? Es ist offensichtlich, dass die LUST-Studie viel Material für künftige Diskussionen bieten könnte. Wichtig ist jedoch, zu betonen, dass – da es sich um eine Langzeitstudie handelt – die Ergebnisse erst mit der Zeit an Aussagekraft gewinnen. Und genauso wichtig ist, dass die Zahl der Teilnehmer konstant bleibt. Insofern ist dies auch eine Aufforderung an die Teilnehmer, sich den Fragebögen im Juni erneut zu stellen – so wird man dann vielleicht auch bald mal in Harvard von innovativen Erkenntnissen aus Norddeutschland hören.

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