„Wir diskutieren im großen Kreis darüber, ob man mit oder nur über die AfD sprechen sollte.“Lukas Ruge | StudentenPACK.

„Wir diskutieren im großen Kreis darüber, ob man mit oder nur über die AfD sprechen sollte.“

Beim Essen in der Mensa höre ich davon, dass Frauke Petry nach Lübeck kommt. Die AfD will ihren Wahlkampfabschluss zur Landtagswahl mit Vorträgen auf einer großen Veranstaltung feiern. Wir diskutieren im großen Kreis darüber, ob man mit oder nur über die AfD sprechen sollte. Einige sagen, man müsse der AfD jegliche Bühne nehmen und sie nicht zu Wort kommen lassen dürfen, so überlasse man nämlich Faschisten das Feld. Ich stehe dem gegenüber und sage, wir müssen mit ihnen reden und unser Unverständnis spüren lassen. Wichtig ist, dass man nicht zu dem wird, was man der AfD vorwirft: Ein Faschist. Denn Faschismus ist beim besten Willen nichts, was die Rechten gepachtet haben. Faschismus findet man ebenso im linken Lager. Faschismus wird in der Regel im politisch nationalistischen Spektrum definiert. Faschismus kann aber auch heißen: Ich exkludiere eine Person aufgrund eines beliebigen Charakteristikums aus der bestehenden Gemeinschaft und bin bestrebt ähnliche Personen ausgeschlossen zu lassen. Sprachlich leitet sich ‚Faschismus‘ vom italienischen ‚fascio‘ ab, was ‚Verein‘ oder ‚Bund‘ bedeutet. Diesen ‚Bund‘ werde ich zwei Tage später von links wie von rechts demonstriert bekommen.

Mein Bruder und zwei Freunde melden sich mit mir zur Veranstaltung an. Erwähnenswert ist in diesem Kontext, dass die beiden Freunde traditionell deutsche Namen haben. Sie melden sich als Gast an und fügen meinen Bruder und mich als „+1“ hinzu. Man weiß ja nie. Die AfD möchte Namen, volle Anschrift, E-Mail und Telefonnummer.

Jetzt lesen wir auch von der Gegendemonstration. Ich erinnere mich an die Gegendemo, als Frauke Petry zum Wahlkampfauftakt in Lübeck war, und mir wird sofort ein wenig flau im Bauch. Immerhin müssen wir an denen vorbei, um aufs Gelände zu kommen.

Wir stehen nun zu viert an der Ecke Engelsgrube/Untertrave. Es regnet stark und wir hören von weitem die Pfiffe und das Gebrüll der Gegendemo. Wir sehen ein paar rote Fahnen und einiges an Polizeiaufgebot. An der Ampel spricht uns ein Mann Mitte 50 an, wir wollten doch bestimmt ‚zu der Veranstaltung da‘ und deutet auf die Mediadocks. Etwas geistesabwesend greife ich nach meiner ausgedruckten AfD-Einladung und bestätige. Plötzlich zieht er einen Stapel DIN A4-Zettel aus seiner Jacke und drückt einem von uns aggressiv ein Blatt an die Brust. „Könnte Euch nicht schaden, sich mal zu belesen, wie das mit den Grundrechten aussieht.“ sagt er und grinst gehässig. Ich erkenne Artikel 5 und 8 des Grundgesetzes. Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Etwas ironisch denke ich. Trotzdem falle ich dem Mann etwas sauer ins Wort und sage „Genau das ist es doch, was hier nicht funktioniert – warum sind Sie so aggressiv? Ja, wir gehen auf diese Veranstaltung – nicht auf diese. Ich zeige jeweils auf das Veranstaltungsgebäude und die Gegendemo. Das Gesicht des Mannes hellt auf, er schämt sich etwas, ist aber dann wieder sehr euphorisch und ruft „Na dann, entschuldigt, ich dachte ihr gehört zu diesen Deppen! Dann braucht ihr das hier ja auch nicht mehr.“. Er will uns die Grundgesetzartikel wieder abnehmen, ich verneine, wir wollen es behalten.

Wir gehen über die Straße und kommen der lauten Gegendemo näher, die direkt an der Auffahrt zu den Docks stattfindet. Es führt kein Weg daran vorbei. Ich bin insgeheim froh, dass es so stark regnet, ich habe eine Entschuldigung, warum ich meine Kapuze so tief ins Gesicht ziehe. Die Polizisten lotsen uns zu einem kleinen Mann mit Liste, offensichtlich der AfD-Wachmann. Während wir dort stehen und unsere Einladungen geprüft werden, sehe ich in die Gesichter der Gegendemonstranten. Ich erkenne eine Kommilitonin, sie erkennt mich, ihre Gesichtszüge entgleiten, sie ruft laut und erschrocken meinen Namen. „WAS? SAMIR?“. Ich hoffe in diesem Moment nur, dass alle anderen laut genug waren, als dass weder Polizei, noch der AfD-Wachmann etwas davon mitbekommen. Ich sehe mich weiter um. Menschen schauen mir auf wenige Meter Entfernung tief in die Augen und schreien mir zu „Ganz Lübeck hasst dich!“. Ein junger Mann schreit „Du Nazi!“. Ein anderer zeigt auf uns und ruft „Faschisten!“. Das Eis ist gebrochen, ich muss anfangen zu grinsen, so absurd kommt mir diese Situation vor. Wer mich kennen gelernt hat, weiß, ich bin sehr politisch. Müsste man mich einordnen, würde man mich irgendwo zwischen Sozialdemokraten und Sozialisten finden. Als ehemaliger SPDler stehe ich also dort und werde als Nazi beschimpft – von den Leuten, die vor zwei Tagen im Schrangen noch neben mir Gregor Gysi Beifall spendeten. Mein Bruder, Mitglied der Partei DIE LINKE, fühlt sich ähnlich. Ich muss breit grinsen, was die Masse offenbar nur wütender macht und so fliegen uns mehr Beleidigungen entgegen. Jetzt werden wir von der Polizei durch die Schleuse begleitet. Kurz bevor wir auf dem Gelände ankommen, stehen zwei unscheinbare Personen in schwarz mit einer Spiegelreflexkamera dort. Ich bemerke viel zu spät, dass gerade aus 40 cm Entfernung eine Großaufnahme meines Gesichts gemacht wurde. Wir sind alle vier verunsichert: Sollen wir zurückgehen und uns den beiden zu erkennen geben und riskieren, dass jemand es mitbekommt? Was passiert mit den Fotos? Wer sind die und was haben die von diesen Fotos? Wir entschließen uns weiterzugehen.

Die AfD ist seit der vergangenen Landtagswahl auch im Kieler Landeshaus vertreten.Fabian Schwarze | StudentenPACK.

Die AfD ist seit der vergangenen Landtagswahl auch im Kieler Landeshaus vertreten.

Das, was dort auf Gegendemonstrationen stattfindet, ist unsäglich und undemokratisch. Ja, man kann und sollte die AfD nicht gut finden. Ja, die AfD vertritt rassistische Standpunkte und ist plump, flach und täuscht und lügt bewusst. Das alles ändert aber nichts daran, dass sie eine Partei ist, die auf dem Boden unserer Verfassung das Recht hat, Wahlkampf zu machen und demokratisch gewählte Parlamentarier zu entsenden. Das mag uns nicht gefallen, aber das ist Demokratie. Niemand darf sich zum neuen Hüter der Demokratie ernennen, ihre Werte schützen und dabei genau diese mit Füßen treten. Demokratie heißt nicht nur, seine eigene (für richtig gehaltene) Meinung sagen zu dürfen, sondern auch die unbequeme Meinung anderer auszuhalten. Genau das ist es nämlich, was ich mir wünsche. Dass wir die AfD aushalten, bis sie in sich zusammenfällt. Die AfD macht nichts anderes als sich ständig als Anti-Establishment aufzustellen. Echte Inhalte gibt es schlicht nicht. Nur wenn ständig mit dem Finger auf sie gezeigt wird, bietet man ihnen weiterhin eine Front, der sie sich gegenüberstellen kann. Nehmen wir den Finger herunter und hören zu. Fragen wir. Zwingen wir die AfD, sich mit sich selbst und ihren non-existenten Inhalten auseinanderzusetzen.

Menschen, die der AfD nahestehen oder sie wählen, so offen und aggressiv zu diffamieren, bringt uns nicht weiter. Man wirft der AfD vor, sie würde einfache Feindbilder schaffen. Nun müssen wir den Intellekt aufbringen, uns selbst zu reflektieren. Was haben diese Gegendemonstranten denn anderes getan? Der AfD-Wähler wird doch simpel und pauschal als Nazi, Faschist und Unmensch abgestempelt und damit aus der öffentlichen Gesellschaft ausgeschlossen. Ist das denn auch nur einen Deut weniger faschistisch als die AfD? An dieser Stelle kommt oft das Argument, Meinungen müsse man aushalten, aber die AfD überschreite eben Grenzen. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Wenn eine von Storch den Schießbefehl fordert, müssen wir aufspringen, protestieren und ihr und ihren Anhängern zeigen, was wir über gefährliche Phrasen zum Stimmenfang denken, und entschieden als demokratische Gemeinschaft gegen exekutiv-mörderische Meinungen gegenhalten. Wenn der Berliner AfD-Abgeordnete Nerstheimer Lesben und Schwule als „degenerierte Spezies“ bezeichnet, müssen wir laut aufschreien und diesem Mann zeigen, was wir von seiner Menschenverachtung halten, und ihm das Grundgesetz sehr penetrant unter die Nase halten. Unser Deutschland hat Zukunft und prosperiert. Sein Deutschland ist untergegangen und wird nicht wiederkehren. Daran müssen wir ihn erinnern.

Nun bleibt trotzdem die Frage im Raum, die ich gerne an die Studierenden stelle: Was wollen wir mit vier Millionen AfD-Wählern machen? Wollen wir die alle als Nazis diffamieren, in eine Ecke drängen und hoffen, dass sie implodieren? Ist das die adäquate Reaktion einer aufgeklärten Gesellschaft im 21. Jahrhundert, wenn Menschen den falschen Anführern folgen? Sie einfach exkludieren und hoffen, sie verschwänden? Ich sage, wir müssen diesen Menschen eine Tür öffnen, jederzeit zurückzukommen. Egal, was sie gesagt oder getan haben – wir müssen als Gesellschaft stark genug sein, Menschen wieder in unser politisches und gesellschaftliches Leben zu lassen, wenn sie eingestanden haben, dass sie Fehler gemacht haben und falsch lagen. Das heißt nicht, dass ich Björn Höcke zum Freund möchte. Dieser Mann wird sich nie groß ändern. Aber meine Nachbarin, die auf die AfD hereinfiel und bei solchen Aussagen merkt, dass sie nicht haltbar sind, sollte die Gelegenheit haben, durch die Stadt zu gehen, ohne das Gefühl zu haben, „ganz Lübeck hasse sie“. Wo erdreisten wir uns eigentlich, zu bestimmen, wer ein guter und wer ein schlechter Mensch sei?

Im Übrigen sollte man sich daher anschauen, wer die AfD wählt. Schaut man sich den Wahlkreis Essen an, wird man sehen, dass hier viele Arbeiter und ehemalige SPD-Wähler zur AfD übergelaufen sind. Waren diese Menschen also vor drei Jahren noch gute, rechtsschaffende, hart arbeitende Bürger, sind es heute rassistische, ausländerfeindliche Unmenschen? Diese Bewertung sollten die „Nazi“-Rufenden noch einmal genau reflektieren.

Ich habe mir vorgenommen diesen Artikel sehr ehrlich zu schreiben. Dazu gehört für mich auch, Emotionen zuzugeben, die vielleicht fehl am Platz sind. In dem Moment, an dem wir die Demo hinter uns gelassen hatten und uns in Sicherheit wiegen, fällt eine riesige Last von mir ab, die ich weder erwartet noch aktiv gespürt hatte. Ich fühle mich sicher und dazu beflügelt, mich endlich fallen lassen zu können. Also auch mich endlich so zu geben, wie ich bin und was ich denke.

Nach einer erneuten Personenkontrolle sind wir endlich im Gebäude und setzen uns in die letzte Reihe des Saals. Die Stimmung ist ausgelassen, freundschaftlich wenn nicht sogar familiär. Es wird Bier, Sekt und Orangensaft getrunken. Man hat die Wahl zwischen Brezeln, Wurst und Kartoffelsalat oder Pommes. An der Kasse wird gescherzt und gelacht. Die Menschen fühlen sich sichtlich wohl und halten Klönschnack. Ich stelle mich draußen zu den Rauchern und komme schnell ins Gespräch. Ob ich zu der ‚Jungen Alternative‘ gehöre. Ich verkneife mir ein Grinsen und verneine. „Es wird so viel über euch geredet, da dachte ich, ich höre mir das mal aus erster Hand an. Ich möchte mich nicht auf das verlassen, was man so hört. Ich will selbst hören.“ Er, Anfang 40, arbeitet in einem Logistikunternehmen am Schreibtisch, Frau, Kinder, kurzum: Mitte der Gesellschaft. An seinem erfreuten Gesichtsausdruck merke ich, dass mein harmlos gemeinter Satz als Einladung zu einem Lügenpresse-Gespräch gedeutet wurde. So kommt es dann auch – ehe ich mich versehe, reden wir über Wahlstatistiken, welchen Instituten man vertrauen könne, welchen nicht. Der Chef von diesem und jenem Prognose-Institut sei ja SPD-Mitglied, entsprechend könne man diese Schätzungen ja gleich verwerfen. Der AfD würden Prozente abgezogen, der SPD oben draufgeschlagen. Ich stelle mich etwas schwer von Begriff und möchte es klar und nicht durch die Blume: „Sie vermuten also Manipulation und Betrug?“ „Selbstverständlich.“ Von innen wird gerufen, die Vorträge beginnen. Er verabschiedet sich freundschaftlich und geht rein. Ich bin jetzt ein Gleicher unter Gleichen.

Der Abend beginnt thematisch mit einem Bericht zum bisherigen Wahlkampf. Es wird davon berichtet, wie stark die AfD in ihrem Wahlkampf gestört und behindert wurde. Angeblich seien 90% der Plakate angehängt oder zerstört worden. Ich möchte klar sagen: Jedes zerstörte AfD-Plakat ist eines zu viel. Wir stehen nicht über unserem eigenen Grundgesetz. Das meine ich nicht juristisch, sondern ideell. Wir können nicht proklamieren, Deutschland vor einer faschistischen Gefahr, die die Demokratie zerstören will, zu beschützen, und gleichzeitig unsere Demokratie im Herzen angreifen: Meinungen, die uns nicht passen, ausschließen und unterdrücken. Die demokratischen Grundsätze unterscheiden nicht zwischen den Gesichtern auf den Plakaten. Jeder hat das Recht, zu werben. Ich kann also die ersten Minuten dem Redner lauschen und muss den Kopf schütteln: Einige AfDler werden beim Wahlkampf angegriffen, einer muss stationär behandelt werden. Das ist zu viel und darf nicht passieren.

Nachdem sich die Redner und ihre Zuhörer also im Selbstmitleid gesuhlt haben, beginnt die große Wiederauferstehung: Neue Taktiken für ungestörten Wahlkampf. Die AfD mietet Flugzeuge mit Banner. Der Redner ruft aus: „Wir haben die politische Lufthoheit!“ Synchron müssen wir vier in der letzten Reihe erstaunt schlucken. Ein Geschmäckle. Er erzählt, der AfD-Flieger hätte über einer Veranstaltung gekreist, bei der die Kanzlerin teilnahm. Dazu: „Die CDU bleibt weiterhin im Fadenkreuz unserer Luftwaffe!“. Jubel. Das war nun kein Geschmäckle mehr, das war einfach nur geschmacklos. Jubelnd in der ersten Reihe sitzt übrigens Frau von Sayn-Wittgenstein, Kandidatin für den Landtag. Die Fürstin wurde erst kürzlich von ihrem Verwandten Fürst Schaumburg als „parasitär“ und rechts bezeichnet. Schließlich wird noch vom AfD-LKW berichtet, der mit bedruckten Stahl-Tafeln durch die Stadt fahre. Dieser Bus sei „unzerstörbar“. Wieder Jubel. Diese Kriegsbilder, die die AfD ihren Fans vorzeichnet, sind Ausdruck tiefster Perversion und der Beweis, dass die Redner so etwas wie Taktgefühl nicht besitzen. Der fehlende Respekt vor der deutschen Geschichte und ihren Opfern macht die AfD moralisch nicht haltbar und verabscheuungswert.

Die Vorträge sind ziel- und zügellos. Themenschwerpunkte gibt es eigentlich nicht. Frau von Sayn-Wittgenstein beginnt zu erzählen, wie sie sich ihre Rente vorgestellt hatte – mit Reisen nach Russland. Das ginge nun nicht mehr, die Rente würde zu wenig. Dass das an einer schlechten Arbeits- und Rentenpolitik liegt, ist ihr egal. Völlig ohne Zusammenhang beginnt sie aus tiefster Wut zu brüllen „Waren Sie in letzter Zeit mal am Hamburger Hauptbahnhof? Da kommen die ganzen Banden und Großfamilien mittlerweile bis an den Bahnsteig!“ Die würden betteln, betrügen, bestehlen, belagern. Tolle Alliteration Sie außerordentlich abgedroschener Ausländerfeind. Die Erklärung, warum bettelnde Ausländer jetzt Schuld daran seien, dass sie mit ihrer Rente nicht mehr nach Russland könne, bleibt uns verwehrt. Aber es wird wieder gejubelt.

Allmählich fällt es schwer, nicht aufzufallen, da wir bisher kein einziges Mal geklatscht haben. Und es den gesamten Abend nicht ein einziges Mal tun werden. Wir werden mittlerweile auch beäugt, wie mir zufällig auffällt. In der anderen Raumhälfte sitzt eine Gruppe junger Männer, die uns mit scharfem Blick mustert und immer dann zu uns schaut, wenn heftiger Applaus zu erwarten wäre. Sorry – kein Applaus unsererseits. Seitdem steht dann auch ein gelangweilter Riese, privater Sicherheitsdienst wie wir vermuten, direkt hinter uns. Das kann ich ihnen aber auch nicht verübeln. Wahrscheinlich muss man erfahrungsgemäß damit rechnen, dass „Fremde“ eher Störenfriede sind als friedliche Zuhörer. Auch das ist übrigens ein Armutszeugnis für uns Demokraten. Die Gäste und die Riesen, die die Veranstaltung absichern, kennen sich übrigens – scheinen selbst Parteimitglieder zu sein. Nach der Veranstaltung erfahre ich, dass jeder von uns Vieren unabhängig voneinander (zugegeben unangemessen) historisch assoziiert hatte.

Dass die AfD auch politisch nichts zu bieten hat, bewiesen uns die Redner im Folgenden. Der rhetorisch geniale Bundestagskandidat der AfD für Lübeck spricht zur Finanzpolitik von EZB und Banken. Ich bin überzeugt, nicht einmal er kann seinen Ausführungen folgen. Ist aber auch unwichtig, denn die Quintessenz ist: Zu viele Ausländer in Deutschland. Es wird eine Statistik nach der anderen genannt (übrigens jedes Mal ohne Quellenverweis), die beweisen soll, wie schlecht es Schleswig-Holstein und Deutschland gehe, wie sehr wir – das deutsche Volk – litten und wer der Übeltäter sei. Jede der genannten Zahlen ist völlig undifferenziert, wird gedeutet, wo nicht gedeutet werden darf. Es wird statistisch schlampig gearbeitet und Zahlen ohne jegliche Aussagekraft als Argument benutzt. Eine meiner Lieblingsstatistiken an diesem Abend: Eine EU-weite Studie hätte untersucht, wie groß der Anteil der Bevölkerung ist, die ein „Eigenheim“ besäßen. Deutschland würde miserabel abschneiden und „selbst“ Rumänien liege bei über 80% vor Deutschland. Den Gesichtern entnehme ich, es scheint bereits eine Beleidigung, dass die Rumänen in irgendetwas vor den Deutschen liegen. Dass ein Eigenheim in Deutschland ein Reihenhaus, eine Eigentumswohnung und Ähnliches ist, in Rumänien hingegen einfache Hütten auf dem Land oder selbstgebaute Generationshäuser ebenso als Eigenheim real existieren und damit zählen, bleibt völlig undifferenziert.

Die AfD beklagt sich ja immer, man würde sie auf ihre Flüchtlingspolitik reduzieren. Dabei suhlen sie sich selbst in ihrem falschen und populistischen Themengebiet und schieben große Masken wie „innere Sicherheit“ vor ihr wahres Gesicht. Kein einziges Mal wird ernsthaft über etwas anderes geredet als über Flüchtlinge. Das Leid des gesamten deutschen Volkes gehe eigentlich von ihnen aus. Vor allem von minderjährigen Flüchtlingen, die an diesem Abend erstaunlich oft dran glauben müssen. Ich hingegen verliere meinen Glauben an den gesunden Menschenverstand, als Frau von Sayn-Wittgenstein fordert, man solle die jährlichen vier Milliarden Euro, die wir für diese Kinder aufbrächten, endlich „den Menschen zur Verfügung stellen, die es bitter nötig“ hätten. Statt eines Seitenhiebes meinerseits bitte ich den Leser an dieser Stelle lieber darum, den letzten Satz noch einmal zu lesen und dessen Perversion zu begreifen.

Noch einmal interessant wird der Abend, als ein Mann Anfang 30 sich erdreistet ,die Frage zu stellen, wie man denn die Lübecker Wirtschaft ankurbeln wolle. Kurz entgleiten den Spitzenkandidaten die Gesichtszüge, das Wort wird zwischen den Vertretern hin und hergeschoben – der Bundestagskandidat dreht und wendet sich, gibt dann doch zu, keine Ahnung von der Thematik zu haben. Schließlich ergreift Herr Schaffer das Mikrofon und beginnt langsam und unsicher, irgendetwas von Ausgaben und Einnahmen zu stammeln. Nach kurzem, ziellosen Gerede fängt er sich und antwortet: Grenzen zu. Dann ginge das mit der Wirtschaft auch wieder. Der Gipfel der Dreistigkeit ist erreicht (denke ich, nicht wissend, was mich noch erwartet). An diesem Abend werden immer wieder pseudomäßig Themen wie Bildung, Gesundheit oder Wohnen angesprochen und tatsächlich schaffen es die Redner immer irgendwie, den Bogen zu den Flüchtlingen zu bekommen, ohne sich einer Thematik ernsthaft inhaltlich gestellt zu haben. Die AfD bietet keine einzige adäquate Antwort. Claus Schaffer ist übrigens Kriminalhauptkommissar bei der Landespolizei Schleswig-Holstein und drückt sich stets bedacht und vorsichtig aus. Nichtsdestotrotz versteht er sich selbst als den neuen Rainer Wendt, der glaubt, die Tatsache, Polizist zu sein, legitimiere es immer im Namen der gesamten deutschen Polizei zu sprechen, wenn er seine Ressentiments über kriminelle Ausländer von sich gibt. Ein kurzes Gespräch mit den Polizisten an der Schleuse nach der Veranstaltung lässt vermuten: Schaffer genießt nicht den Rückhalt bei der Polizei, den er propagiert.

Der Abend neigt sich dem Ende zu. Ein älterer Herr aus dem Publikum bittet um das Mikrofon. Er erzählt von seiner Kindheit in der Hitler-Jugend. Er denke mit Schmerz an das zurück, was die Nazis ihm und seinen Freunden „angetan“ haben, wie er es formuliert. Es sei unsere Pflicht, zu verhindern, dass Kinder jemals wieder politisch instrumentalisiert würden oder Ideologien aufgezwängt bekämen. Vier Gesichter in der letzten Reihe hellen auf und wir glauben, einen mutigen Mann sprechen zu hören, der als Zeitzeuge der AfD in ihr Gewissen reden will. Er erzählt weiter von vielen türkischen Gastarbeitern, die er beschäftigt habe. Das seien alles gute und fleißige Menschen gewesen. Was folgt wurde für meinen Bruder und mich zur unerträglichen emotionalen Achterbahn. Mit einem kräftigen „aber“ erhebt er wütend seine Stimme und ruft ins Mikrofon, „diese Menschen“ seien weder gewillt, noch fähig zur Integration. Sie würden nicht zurückkehren wollen und seien nicht fähig, innerhalb der deutschen Gesellschaft zu leben. Etwas verunsichert, welche Personengruppe der Herr jetzt genau meint, ob Türken, Araber, Muslime oder schlicht Gastarbeiter aller Couleur, lauschen wir weiter seiner sich überschlagenden Stimme. Er löst auf: „Die Muslime“ gehören nicht hier her, genau wie der Islam auch nicht zu Deutschland gehöre. Er malt das Bild eines barbarischen Hinterwäldlers, der nicht in der Lage sei, sich an Regeln zu halten. Sie seien anders, man wolle sie hier nicht, sie sollten weg, denn hier sei nicht ihre Heimat und willkommen seien sie auch nicht. Der Saal verfällt in tosenden Beifall, die Zuhörer jubeln dem Mann zu. Ich merke, wie mir das Blut in den Kopf schießt. Mein Bruder und ich schauen uns an und wissen, wir entscheiden gerade beide, ob wir eingreifen oder schweigen. Wir erkennen gegenseitig die Tränen, die sich in unseren Augen stauen. Tränen der Wut beim Hitzkopf, meinem Bruder – Tränen der Scham und der tiefen Erschütterung bei mir, der sich von seinen Landsmännern verraten und an den Pranger gestellt fühlt.

Wir, die wir der deutschen Sprache mächtig sind, hier geboren sind, hier zur Schule gingen und hier studieren. Im Saal wird hemmungslos applaudiert, man scheint dem Zeitzeugen gebührenden Respekt zollen zu wollen. Er konnte aussprechen, was viele denken, aber es nicht wagten auszusprechen, aus Angst vor der Nazi-Keule. Nun stellt sich ein Mann hin, der sich selbst als Opfer des Nationalsozialismus versteht, es sich also verböte ihn zu maßregeln und spricht Klartext.

Wissend, dass die historische Assoziation hinter uns steht, entschließen wir uns zu schweigen. Wir verlassen geschlossen den Saal. Den Plan, nach der Veranstaltung mit den Rednern und Zuhörern ins Gespräch zu kommen, verwerfen wir. Nicht, weil es sich nicht lohnen würde, sondern weil wir schlicht zu verletzt sind und wahrscheinlich zu keinem sinnigen Gespräch mehr in der Lage wären.

Wir bedanken uns gegenseitig bei einander, uns animiert zu haben, dieses Experiment zu wagen, und lassen den Abend ausklingen. Was bleibt ist die Überzeugung, jeder sollte sich so eine Veranstaltung einmal angetan haben und das Gespräch suchen. Auch für mich gilt: Sollten Sie, einer der AfD-Redner, das Gespräch suchen – Sie sind eingeladen.

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