So titelte Stephan Porombka von der Berliner Universität der Künste im Mai 2016 in der Wochenzeitung DIE ZEIT.

Dr. Leef H. Dierks ist Knigge-Beauftragter Professor für Finanzierung und Internationale Kapitalmärkte an der Fachhochschule Lübeck. Er freut sich auf eine lebhafte Diskussion zu diesem Thema.Fachhochschule Lübeck

Dr. Leef H. Dierks ist Knigge-Beauftragter Professor für Finanzierung und Internationale Kapitalmärkte an der Fachhochschule Lübeck. Er freut sich auf eine lebhafte Diskussion zu diesem Thema.

Anlass waren Stilblüten im Schriftverkehr mit seinen Studierenden, die einfach viel zu schön waren, um sie der Öffentlichkeit weiter vorzuenthalten. Beispielsweise Nachrichten à la „Na, Herr Professor, wie isses? Können Sie mir morgen einen Schein unterschreiben? Es ist wirklich überlebenswichtig!“. Selber Schuld, mag man meinen, was treibt er denn zu nachtschlafender Zeit auch bei Facebook. Aber es wird noch besser: So berichtet der Kollege von einer E-Mail, welche aus nicht mehr als einem Kotzsmiley Emoji, dem es gerade nicht so gut geht und den Worten „Sorry & Gruß“ bestand. Im Betreff hieß es dann „Heute leider kein Referat!“

Doch von stilistischen Fragwürdigkeiten einmal abgesehen: Ist das wirklich der adäquate Kommunikationskanal? Ich erwarte ja keinen auf Büttenpapier per Hand verfassten Brief in meinem Postfach von Ihnen, nur: Sprächen Sie mich auf dem Rückweg aus dem Bermuda-Dreieck auch mit einem derartigen Anliegen an? Die erste Empörung wandelte sich jedoch rasch in Anerkennung – immerhin hat der Kommilitone sich, anstatt einfach nicht zu erscheinen, direkt aus seinem (ich zitiere) „intimen Katastrophengebiet“ angemeldet.

In Bayern, konkret am Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht (ZAAR) an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, ist man schon einen Schritt weiter. (So richtig verwundert das vermutlich niemanden). Dort heißt es wörtlich: „Weil heutzutage die häusliche Erziehung manches vernachlässigt, hier ein paar formale Hinweise zur korrekten Kommunikation mit Professoren – auf mehrfache Nachfrage aus studentischem Publikum“. Der letzte Halbsatz spricht Bände, nicht wahr?

Vorab: Professor ist kein Titel. Professor ist zuerst eine Dienstbezeichnung – wie z.B. Ministerialrat oder Feldwebel. Manche Gesetze sprechen von einer „akademischen Würde”. Dies erklärt sich daraus, dass die Bezeichnung nach der Pensionierung weitergeführt werden kann – ohne den Zusatz „aD” oder „iR”. Die Gesetze schweigen sich übrigens wohlweißlich darüber aus, ob der Träger der Dienstbezeichnung auch entsprechend würdevoll auftritt – oder eben nicht. Nicht-repräsentative Blicke über den Campus verheißen wahrlich nichts Gutes.

Natürlich ist eine E-Mail zunächst ein vergleichsweise formloses Medium. Dennoch ist auch eine E-Mail an die Netiquette gebunden, weshalb Erörterungen darüber, ob der Umgang mit Dozenten nun zwanglos erfolgen kann und soll, müßig sind. In der Regel wollen Studierende etwas vom Professor. Zwanglosigkeit kann den Erfolg des Wunsches durchaus beeinträchtigen. Niemand muss überhaupt auf E-Mails antworten. Und, so heißt es aus München: „Der unhöflichen (oder der als unhöflich empfundenen) Attitüde gebührt Schweigen als Antwort“.

Sicherer fahren Sie also, sofern Sie denn überhaupt eine Antwort erwarten, wenn Sie sich nochmals die allgemeinen Regeln für schriftliche Kommunikation vergegenwärtigen, d.h. die Anrede: „Sehr geehrter Herr Professor Meier“. Ganz und gar daneben liegen Sie, wenn Sie meinen, in der Anrede auf „Prof.“ verkürzen zu müssen – sich dann aber außer Stande sehen, Ihre Gedanken in drei Zeilen auszudrücken, sondern dafür viel Platz benötigen. Lange schwafeln und nicht zum Punkt kommen. Bedenken Sie bitte: Ihr Anliegen ist i.d.R. nicht das Einzige in meiner Inbox. Besonders schlimm jedoch, ich denke da sind wir uns alle einig, ist das unverbindliche „Hallo“.

Nun wird es ein klein wenig komplexer. In der Briefanrede wie in der mündlichen Anrede ist es nämlich etwas anders. Der Professor konsumiert den Doktortitel. Also bitte nicht: „Sehr geehrter Herr Professor Dr. Meier!“.

Weiterhin kaum bekannt: Als Dienstbezeichnung konsumiert der „Professor“ in der (mündlichen und schriftlichen) Anrede auch den „Herrn“. Folglich heißt es nicht: „Sehr geehrter Herr Professor Meier“, sondern, schenkt man den Münchener Kollegen denn Glauben und tut deren Ratschläge nicht als alternative Fakten ab, ganz einfach „Sehr geehrter Professor Meier“. Doch mal entre nous: Weil das alles vergleichsweise wenig bekannt ist (selbst (oder gerade) unter Professoren), ist für die Unwissenden praktisch alles zulässig.

Damit hier keine Missverständnisse entstehen: Nicht minder indiskutabel ist übrigens das Verhalten der werten Kollegen, welche Studierende ungefragt meinen, duzen zu können oder ihre Vorlesungen und Seminare nach Gutdünken stattfinden lassen. Wir könnten jetzt lang und breit die Frage erörtern, ob Dozenten neben der rein fachlichen Expertise auch eine Vorbildfunktion innehaben, doch führte uns das vom eigentlichen Thema weg.

Über mit „Sehr geehrter Herr Dr. Dirk“ beginnende E-Mails mag man schmunzeln; eine Respektlosigkeit stellen sie vermutlich nicht dar. Eher wohl eine Unaufmerksamkeit. Zumal ich im Zweifelsfalle ja überhaupt nicht gemeint bin, sondern besagter Kollege Dirk. (Allerdings wurde der schon länger nicht mehr gesehen.) Ähnlich übrigens wie „Sehr geehrter Herr Professor Doktor sc. agr. Diplom-Volkswirt Diplom-Kaufmann Leef H. Dierks“. Macht die Sache nicht wirklich besser, oder? Zumal mein Seepferdchen in der Aufzählung fehlt.

Herzerfrischend nehmen sich da doch die „lieben Grüße“ aus, mit denen die Nachrichten zunehmend enden. I mean, really? Ist das nicht ein wenig too much? Was genau spricht eigentlich gegen ein gesundes Maß an Distanz zwischen Dozent und Studierenden? Verstehen Sie mich nicht falsch: Gegen Nähe, so sie denn richtig interpretiert wird, ist nicht das Geringste einzuwenden! Sie erleichtert das gemeinsame Arbeiten. Doch gilt es Grenzen zu beachten. Fraternisieren, anbiedern, rumschleimen, Kumpanei oder missverstandene Nähe, kurz: Beiderseitige, gedankenlose Unbedarftheit im Umgang miteinander führt nur zu mehr Ungemach.

Zweifelsohne noch etwas unterhaltsamer (auch für mich) als bisherige Zeilen sind jene E-Mails, in denen mir Kommilitonen minutiös ihre Klausurvorbereitung darlegen – und um Anmerkungen bitten. Nach „eine Mappe anfertigen“ heißt es da „die Mappe mit gelben Post-Its bestücken um die Ordnung aufrecht zu erhalten“ und „das ganze Skript einmal überfliegen“. Ohne dem Klausurergebnis (dazu dann mehr beim nächsten Mal) vorgreifen zu wollen: Persönlich sind mir ja rosa Post-Its lieber.

Beim besten Willen: Was für Anmerkungen erwarten Sie von mir? Auch wenn es sich um das erste Semester handelt und deshalb noch ein wenig Welpenschutz gilt: Reicht gesunder Menschenverstand nicht vollkommen aus?

Auch schön (natürlich erst unmittelbar vor Ablauf der Anmeldefrist): „Für welche Klausur soll ich mich denn jetzt anmelden; die NM1230 oder die NM1231?“ Gegenfrage: Was lässt Sie denn glauben, dass ich weiß, nach welcher Studienordnung Sie studieren? Von ähnlichem Kaliber die mich Anfang März erreichende Frage „an welchem Termin und zu welcher Uhrzeit genau denn nun die Klausur in Business Finance stattfinden wird?“ Wofür genau, glauben Sie, gibt es eigentlich Einrichtungen wie das Prüfungsamt? Oder wenden Sie sich mit Zweifeln ob des Mensaspeiseplans auch an Ihre Dozenten?

Oder der Fall einer in leicht panischem Unterton verfassten E-Mail am Vorabend einer Klausur (wann auch sonst): „Mir fällt gerade auf, dass ich das Capital Asset Pricing Model vielleicht doch nicht ganz so gut verstanden habe. Können Sie mir bitte kurz sagen, ob es wirklich klausurrelevant ist?“ Klar. Irrelevant. Vollkommen. Haben wir nur aus dem Grund stundenlang hergeleitet und besprochen, da ich beim besten Willen nicht wusste wohin mit der vielen Zeit.

Machen Sie es doch lieber wie eine Kommilitonin (immerhin im Master-Programm Betriebswirtschaftslehre), die mir in ihrer Klausur schrieb, dass sie zwar die Antwort auf meine Frage nicht wüsste, aber, um mir zu beweisen wie gewissenhaft (schon klar) sie sich vorbereitet hatte, einen Essay zu einem vollkommen anderen Thema niederschrieb. Und eine Blume dazu malte. In der Klausur. Hallo?! Ohne dem Klausurergebnis (dazu dann mehr beim nächsten Mal) vorgreifen zu wollen…

Ähnlich skurril übrigens die Nachricht eines Kommilitonen, der mir schrieb, dass ihm zwar durchaus bewusst sei, dass ich, wie aus meiner Ankündigung eindeutig hervorgeht, aus zeitlichen Gründen keinen Alternativtermin zur Klausureinsicht anbieten kann. Doch dann folgt „Trotzdem bitte ich um eine Einsichtnahme in die Klausur.“ Na sicher doch. Kein Ding. Holen wir gerne wieder aus dem Archiv. Stellt sich nur die Frage, zu was der geneigte Dozent noch kommt, wenn er auf jeden terminlichen Sonderwunsch einginge.

Und ja, man höre und staune, deshalb gibt es tatsächlich auch so etwas wie eine Sprechstunde. Diese legte einer meiner akademischen Lehrer übrigens auf freitags, 17:00 bis 18:00 Uhr hst. Kann man so machen; muss man nicht. Immerhin stand niemand Schlange. Aber so weit muss es ja nicht kommen.

Liebe Grüße.

Und schlafense gut.

😉

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