„Oft trifft man sich natürlich auch, um sich es gutgehen zu lassen, oft aber auch mit fachlichen Themen oder zum Gespräch über kulturelle oder geisteswissenschaftliche Fragestellungen.“Jens-Martin Träder

„Oft trifft man sich natürlich auch, um sich es gutgehen zu lassen, oft aber auch mit fachlichen Themen oder zum Gespräch über kulturelle oder geisteswissenschaftliche Fragestellungen.“

Mentorengruppen im Medizinstudium sind sinnvoll. Für die meisten Studierenden ist die Aufnahme des Studiums an einem anderen Ort als dem Geburts- und bisherigen Wohnort der sprichwörtliche „Sprung in das kalte Wasser“. Es fehlen Familie und Freunde, Menschen, die man einfach eben mal schnell fragen kann, wie man dies oder jenes einfach erledigen kann. Für diese Funktion eignet sich die Mentorengruppe – also nicht nur für das rein Universitäre, Fachliche, sondern auch für die „kleinen Problemchen“ des alltäglichen Lebens. Wobei hier meist nicht die Mentorin/der Mentor zuständig ist, sondern die anderen Mentees aus der Gruppe, die man ohnehin auf dem Campus trifft, oder die man elektronisch kontaktieren kann.

Mentorengruppen gibt es an der Universität zu Lübeck seit 1997. Seit dem Neustart des Programmes im Jahr 2005 sind fast drei Viertel der Studierenden mehr oder minder fest an eine Mentorengruppe angekoppelt. Die Spielarten sind sehr unterschiedlich: Es gibt Gruppen, die sich einmal pro Semester treffen, um einen gemütlichen Tag oder Abend gemeinsam zu verbringen. Andere Gruppen sehen sich öfters, und das dann zu unterschiedlichen Zwecken. Oft trifft man sich natürlich auch, um sich es gutgehen zu lassen, oft aber auch mit fachlichen Themen oder zum Gespräch über kulturelle oder geisteswissenschaftliche Fragestellungen.

Was sind die Vorteile, die Studierende aus dem Mentorenprogramm ziehen können? Ich sehe vor allem die folgenden Punkte als positiv an:

  • fachliche Förderung
  • menschlich Einbindung
  • Vernetzung
  • Möglichkeit zur Einflussnahme

Die fachliche Förderung besteht durch den Kontakt mit Studierenden, aber auch mit Lehrenden, die diese Situationen schon durchlebt haben und Tipps bei bestimmten Fragen (Dozenten, Fächer, Klausuren, Dissertation, Stipendien, Famulaturen usw.) geben können. Hier zeigt sich ein Vorteil, wenn in der Mentorengruppe nach Möglichkeit aus jedem Studienjahr zwei bis drei Studierende teilnehmen. Dann hat man für jedes studentische Problem die jeweiligen „Fachleute“ in der Gruppe.

Die menschliche Ein- und Anbindung fördert das Hineinfinden in eine fremde Universität und Stadt. Das beginnt bei Fahrgemeinschaften, bei der Wohnungssuche und der Vermittlung von Zimmern in einer WG, führt zu gemeinsamen Unternehmungen (Konzerte, Kinobesuche, Feiern, sogar Urlaubsreisen) und kann bei vielen kleinen Problemen des Alltags ein Lösung anbieten. Diese Ebene erfolgt meist ohne die tiefere Einbindung des Mentors/der Mentorin auf der Ebene der Mentees untereinander.

Die Vernetzung wird über die Vermittlung von Famulaturplätzen, die Vergabe von Dissertationsthemen, die Einladung zu interessanten Fortbildungsveranstaltungen inner- und außerhalb der Universität und anderes mehr gepflegt.

Die Möglichkeit der Einflussnahme ist zweigleisig zu betrachten: Natürlich können die Studierenden über das Feedback dem/der Lehrenden Hinweise geben, wie der Unterricht verbessert werden könnte, welche Themen zu ausführlich, welche anderen Gebiete zu kurz behandelt werden. Hier hat die Allgemeinmedizin den Vorteil, dass durch die gute Vernetzung (s.o.) für eventuell etwas zu kurz gekommene Themen wie z.B. bei bestimmten Untersuchungskursen ein niedergelassener Kollege zu einem kleinen Kurs der Untersuchung in seinem Fachgebiet gebeten werden kann.

Andererseits kann auch von der Seite der Lehrenden im Gespräch Verständnis für bestimmte Themen gefördert, Interesse geweckt, „die Flamme angezündet“ werden – gemäß des Zitates, das Heraklit zugeschrieben wird:

„Lehren heißt nicht, ein Fass zu füllen, sondern eine Flamme anzuzünden“.

Im Institut der Allgemeinmedizin haben wir hier ein Privileg vor vielen anderen Fächern: Wir sehen die Studierenden während des Studiums fast zu allen Zeiten: Berufsfelderkennung und „Klinik für Vorkliniker“ vor dem Physikum, nach dem Physikum quasi jedes Jahr (Umweltmedizin, Geriatrie, Blockpraktikum, Kurs der Allgemeinmedizin, PJ, Wahlpflichfächer). Diese „Langzeitbeobachtung“ – die ja auch in der Hausarztpraxis sehr gepflegt wird – ist bei den meisten anderen Fächern eher die Ausnahme. In ähnlicher Weise besteht auch in der Mentorengruppe diese Möglichkeit: Mir macht es Spaß, einerseits die fachliche, andererseits aber auch die menschliche Entwicklung der einzelnen Persönlichkeiten über die Jahre zu verfolgen.

In unserer Mentorengruppe sind Teilnehmer dabei, die vom ersten Semester an Mitglieder dieser Gruppe waren, die mittlerweile aber schon approbierte Ärzte sind und als Assistenten in der Klinik arbeiten. Sie können selbst Anknüpfungspunkte (Famulaturen, Kursteilnahme, Dissertationen) für die anderen Mentees bieten. In dieser Gruppe übernehmen diese Ärzte sozusagen die Rolle der „mittleren Generation“ und wachsen mittlerweile selbst zu Mentoren heran.

In 12 Jahren haben wir jetzt ca. 115 Treffen gehabt. Dadurch entsteht eine fast familiäre Bindung – mit fachlich-familiären Auswirkungen wie Famulaturen, Hospitationen, PJ und Assistenzzeiten in meiner Hausarztpraxis, andererseits aber auch persönlich-familiär durch den weiteren Kontakt mit vielen Alumnis, die sich noch nach Jahren des Öfteren melden und berichten, wie es bei ihnen weiter gegangen ist.

Fazit

Die Gründung und Organisation einer Mentorengruppe kostet etwas Zeit und manchmal auch (relativ geringe Mengen) Geld, diese beiden Ressourcen sind aber sehr gut investiert. Es gibt viel positive Rückmeldung, menschliche Wärme und auch interessante Anregungen, wodurch sich diese Investitionen allemal rentieren.

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