Joachim JungiusJosefine Taape

Joachim Jungius

Die Biografie von Joachim Jungius beginnt mit einem Mord. Es war spät abends irgendwann im Herbst 1590. Tatort: Lübeck, Ecke Glockengießerstraße und Königstraße. Es hatte gerade von den Kirchen der Stadt Mitternacht geschlagen, als drei Gestalten mit Lampen in ihren Händen an der Ecke stehen blieben. Sie waren Freunde und gehörten dem Lehrerkollegium am Katharineum an.

Was folgte beschreibt Robert Ch. B. Avé-Lallemant in seiner 1882 erschienenen Jungius-Biografie „Yn Gudes Namen“ lesenswert, lebhaft und mit großer Liebe für die Mundart, daher sei die Szene hier in Gänze zitiert:

„‚Ei, ei, meine Herren Kollegen, was würde der Nachtwächter sagen, wenn er uns praeceptores juventutis (Anm. junge Lehrer) so laut in nächtlicher Stunde hier anträfe und erkännte! Denn es muss schon recht spät sein.‘ Und wirklich kam ein dunkler Umriss, ebenfalls mit einer grossen Laterne durch die Königstrasse daher, stiess mit einer Hellebarde auf den Boden, – ein regelrechtes Strassenpflaster hat es zu Lübeck erst in neueren Zeiten gegeben -, schwang eine mächtige Knarre einmal um ihre Achse und rief dabei aus: ‚De Klock hätt twölf sslahn, twölf iss de Klock‘, – grüsste die drei Gesellen, und verzog sich. Die drei gingen nun auch eiliger ihres Weges. –

Keiner von ihnen aber hatte in der Blendung der eigenen Laterne eine Gestalt bemerkt, die aus der Pfaffenstrasse heraus schleichend längs der Häuser sich hinbewegte. Kaum waren die praeceptores und cantores auseinander gegangen und der Nachtwächter verschwunden, als einer der Schulmänner in dem Augenblick, in welchem er sich anschickte, in den Umgang des Katharineums hineinzugehen zu seiner dortigen Wohnung, von jener Gestalt überfallen und mittelst eines Stossdegens, wie ein solcher damals ausserordentlich viel getragen wurde, niedergestochen ward.

Ein einziger herzzerreissender Schrei des Getroffenen verkündete es, dass ein Meuchelmörder […] den Unglücklichen niedergemacht hatte. Dieser aber flüsterte entsetzt dem Sterbenden zu: ‚Oh mein Gott, Herr Präceptor, es galt ja gar nicht Euch!‘ und sprang davon.“

Das Mordopfer war Nicolaus Jungius, Vater von Joachim. Ob die Details so wirklich stattgefunden haben, wie von Avé-Lallemant geschildert, mag angezweifelt werden, sicher scheint: Der Mörder von Nicolaus Jungius hatte beabsichtigt, jemand anderen zu töten und in der Dunkelheit der Nacht den Lehrer für sein geplantes Opfer gehalten.

Jungius‘ Mutter, die Pfarrerstochter Brigitte Jungius, war wahrscheinlich schnell vor Ort, da der Mord nahe der Wohnung geschah, aber ihrem Ehemann konnte nicht geholfen werden. Die Beerdigung fand am nächsten Tag statt. Wahrscheinlich begleiteten, so war es üblich bei bedeutenden Personen der Stadt, die ehemaligen Schüler, unter Leitung des Rektors, als Chor die Leichenprozession. Der dreijährige Joachim Jungius dürfte sich an nichts davon erinnert haben.

Die frei gewordene Lehrerstelle wurde schnell besetzt: Martinus Nordmann übernahm nicht nur das Lehramt an der Schule, er heiratete auch, der Moral der Zeit entsprechend, die Witwe Jungius, die dadurch nicht gezwungen war, die von der Schule gestellte Wohnung am Katharineum zu verlassen und mit ihren Kindern ohne eigenes Einkommen zu leben.

Ein Junge seiner Zeit

Das zu Ende gehende 16. Jahrhundert, in welchem Joachim Jungius geboren wurde, war eine Zeit des Wandels. Die Entdeckung der neuen Welt, die Ausbreitung des Buchdrucks, die Spaltung des Christentums, Pestausbrüche und die Hexenverfolgung waren alle Teil von Jungius‘ Lebensrealität.

1458 eröffnete die erste Druckerei in Straßburg, 1500 gab es im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in dem zu diesem Zeitpunkt über zwölf Millionen Menschen lebten, 62 Druckereien. Die Generation von Lehrern, zu der Joachims Vater gehörte, war wahrscheinlich die erste, welche als „Print Natives“ aufgewachsen waren.

1522 erschien die Übersetzung der Bibel von Martin Luther, sie war der erste Bestseller des jungen Mediums und führte mit zur Abspaltung der protestantischen Kirche um 1530.

Die Zeit des Jungius war auch die Zeit der Hexenverfolgung. Von Vielen mit dem Mittelalter und der katholischen Inquisition verbunden, kam es in der frühen Neuzeit zu einer stark durch die neue lutherische Kirche getriebenen, neuen Welle von Hexenprozessen und Verbrennungen. Insbesondere zwischen 1550 und 1650 starben dabei ungefähr 60.000 Menschen. Die Anzahl der Inhaftierten und Gefolterten war natürlich viel höher. Bis zu 80 Prozent der Opfer waren Frauen.

Joachim Jungius wurde am 22. Oktober 1587 als Joachim Junge in Lübeck geboren. Der Familienname Jungius stellte eine zu jener Zeit übliche Latinisierung dar. Die Hansestadt Lübeck im Jahre 1587 war unerhört reich und Joachim wurde in eine Familie des gehobenen Mittelstands geboren. Sein Vater war als Lehrer am noch heute existierenden Katharineum zu Lübeck, damals wie heute im Gebäude des alten Franziskanerklosters, gut bezahlt.

Mit der infolge der Lutherveröffentlichung aufgetretenen Religionsspaltung ist auch zu verstehen, warum das ehemalige Franziskanerkloster in Lübeck nun eine protestantisch geführte Schule wurde: Der katholische Franziskanerorden war in Lübeck, welches sich am lutherischen Bild orientierte, nicht mehr willkommen gewesen. Der Schulreformator Johannes Bugenhagen war 1530 nach Lübeck geladen worden, um das Schulwesen im Sinne der neuen, lutherischen Kirche zu reformieren, und hatte das Katharineum in diesem Zusammenhang gründen lassen.

Am Katharineum zeigte Jungius sich bereits früh als außergewöhnlicher Schüler. Es sagt vielleicht mehr über das Schulsystem der Zeit als über Jungius, dass als Anekdote erhalten blieb, dass er einmal nicht nur wagte im Logik-Unterricht dem Lehrer zu widersprechen, sondern der Lehrer ihm am nächsten Tag vor der Klasse auch noch Recht geben musste. Das Schulsystem war üblicherweise keines, welches den freien Austausch von Meinungen beförderte.

Streng kontrolliert durch die Kirche wurde Jungius in Sprachen (Griechisch, Latein, Hebräisch), Religion, den Künsten (zwei Theaterstücke, die er in seiner Schulzeit schrieb, sind erhalten geblieben, aber das Katharineum war auch für den Gesangsunterricht bekannt) sowie der Philosophie, welche im Verständnis der Zeit alles, was heute als Naturwissenschaft oder Mathematik verstanden werden würde beinhaltete, unterrichtet. Gerade die philosophischen Inhalte waren dem Schüler Jungius nicht genug und es ist überliefert, dass er sich nicht nur selbst weiterbildete, sondern auch seinen Mitschülern zusätzlichen Unterricht gab.

Insbesondere interessierte sich Joachim Jungius für erkenntnistheoretische Ansätze, welche über die in der kirchlichen Lehre akzeptierten Konzepte von Aristoteles hinausgingen. Konflikte mit den Autoritäten waren garantiert und Jungius hatte wohl großes Glück, auf einige eher liberale Lehrer zu stoßen, welche seine Neugierde zu schätzen und zu befördern wussten.

Joachim Jungius schloss das Gymnasium mit 18 Jahren als Bester seines Jahrgangs ab und hielt zum Abgang seines Jahrgangs eine bis heute erhaltene Abschlussrede, in welcher er argumentierte, dass es besser sei, in einfachen Worten die Wahrheit zu sagen als in guten Worten, mit Hilfe der Beredsamkeit, Andere vom Gesagten, unabhängig vom Wahrheitsgehalt, zu überzeugen. Die Frage nach der Wahrheit und der Erkenntnis, wie diese zu definieren und wie sie zu kommunizieren seien, würde für den Rest seines Lebens ein Kern seines Schaffens sein.

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