Andreas Sprenger freut sich über den 26. ersten Ig-Nobelpreis für MedizinJohannes Zanken | StudentenPACK.

Andreas Sprenger freut sich über den 26. ersten Ig-Nobelpreis für Medizin

Ein Mann im schwarzen Frack mit roter Fliege und einem etwas zu großen Zylinder kündigt den Preisträger an. Die menschlichen Scheinwerfer, in Unterwäsche und silbern bemalt, bringen ihre Taschenlampen in Stellung.

Dann betritt Andreas Sprenger von der Uni Lübeck die Bühne, einer der diesjährigen Preisträger des Ig-Nobelpreises für Medizin. „Ignoble“ bedeutet so viel wie unwürdig oder schändlich. Dieses Wortspiel mag allerdings reiner Selbstzweck sein, denn auf die ausgezeichneten wissenschaftlichen Leistungen trifft dies ganz sicher nicht zu. Der satirische Preis wird jedes Jahr von der Zeitschrift Annals of Improbable Research an Forschungsarbeiten verliehen, welche die Leserschaft erst zum Schmunzeln und dann zum Nachdenken bewegen.

Das ist Christoph Helmchen, Andreas Springer und ihren Coautoren definitiv gelungen. In einer Studie konnten sie zeigen, dass ein Juckreiz auf der linken Körperseite gelindert werden kann, wenn der Proband in einem Spiegel beobachtet, wie die entsprechende Stelle auf der rechten Körperhälfte gekratzt wird. Eine weitere Studie, in der mit Hilfe von Videokameras und Monitoren alle erdenklichen weiteren Einflüsse ausgeschaltet wurden, sodass die Probanden ihre eigenen Arme nicht mehr voneinander unterscheiden konnten, bestätigte das Ergebnis. Ein ähnliches Prinzip wird bereits bei der Behandlung von Phantomschmerzen in amputierten Gliedmaßen angewandt. Indem Patienten mittels Spiegeln vorgegaukelt wird, verlorene Körperteile seien noch vorhanden, können selbst starke Beschwerden gelindert werden.

„Ich muss sagen, ich kannte die Veranstaltung nicht“, sagt Andreas Sprenger im Gespräch mit dem StudentenPACK. Auch andere hätten ihm nicht viel zu der Auszeichnung sagen können. Auf Drängen seiner amerikanischen Kollegen entschloss er sich gegen anfängliche Bedenken, der fragwürdige Preis könnte einen schlechten Ruf nach sich ziehen, aber doch, nach Boston zu fliegen. Dort nahm Andres Sprenger stellvertretend den Preis bei der sechsundzwanzigsten Verleihung des Preises in der Harvard-University entgegen. Die Laudatio wurde wie üblich kurz gehalten:“Der Ig-Nobelpreis für Medizin wird verliehen an Christoph Helmchen, Carina Palzer, Thomas Münte, Silke Anders und Andreas Sprenger für ihre Entdeckung, dass du einen Juckreiz in deiner linken Körperseite dadurch lindern kannst, dass du in einen Spiegel schaust und dir die rechte Seite kratzt (und andersherum)“. Andreas Sprenger erhielt den Preis in Form einer Uhr, deren Zeiger kleine Stundengläser sind, und einer Banknote über zehn Billionen Simbabwe-Dollar (deren Entwicklung selbst einst der Preis in der Kategorie Mathematik gebührte – für die Bestrebung, den Menschen im Alltag den Umgang mit großen Zahlen näher zu bringen…) aus den Händen tatsächlicher Nobelpreisträger, die regelmäßig gerngesehene Gäste der Veranstaltung sind.

Aufmerksamkeit für ihre Arbeit hat die Forschergruppe durch den Preis auf jeden Fall bekommen. „Das ist der Hammer!“, sagt Sprenger. Allein im September stieg die Anzahl der Zugriffe auf ihre Publikation von etwas mehr als 2200 auf über 16.000!. Im Oktober kamen noch weitere 4000 Leser dazu. Ob der Preis tatsächlich bei der Einwerbung von Drittmitteln helfe, müsse aber die Zukunft zeigen.

Auch die Medien wurden auf die Lübecker Forscher aufmerksam. Während die einschlägigen Zeitschriften leider nur alle voneinander abgeschrieben hätten, wie Andreas Sprenger etwas enttäuscht feststellt, habe sich der SWR für den kommenden Morgen zu einem Interview angekündigt.

„Was die Deutschen alle nicht verstanden haben, sind die Gags“, so Sprenger. Dass er nach einer knappen Minute Redezeit von menschlichen Weckern von der Bühne gescheucht wurde, obwohl er noch seinen alten Lehrern danken wollte, war natürlich abgesprochen. Dass das Publikum während der Verleihung Papierflieger wirft und dass tatsächliche Nobelpreisträger immer wieder in kleinen Spielen gegen Gäste antreten, hat eine lange Tradition! Der Ig-Nobelpreis hat eben seine ganz eigene Art von Humor. Überhaupt wird der Preis im deutschen Raum nicht so wertgeschätzt wie in England oder den USA. Oft ist von einem „Spottpreis“ die Rede, obwohl die Auszeichnung viel mehr dem Zweck dient, auf humoristische Weise auf interessante Forschung aufmerksam zu machen. Vielleicht leisten Projekte wie die von Andreas Sprenger und seinen Kollegen ja einen Beitrag, um dieses Stigma zu brechen.

Die ausgezeichnete Arbeit war übrigens nur eine Vorstudie für das nächste Projekt. Hierfür muss jedoch zuvor noch eine automatische, mechanische, elektrizitäts- und metallfreie Kratzmaschine erfunden werden. Das klingt, als sei es wieder einen Preis wert.

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