Ist das noch Fußball?Lukas Ruge | StudentenPACK.

Ist das noch Fußball?

Manche Nachrichten gehören nicht auf den Studenten-Mailverteiler. Manch einer mag sofort an „Wohnung zu vermieten“ und „Irgendwas gefunden“ denken. Vielleicht gehört in diese Kategorie auch der Link zu einem Video, in dem ein als Arzt verkleideter Medizinstudent einem Drogenabhängigen Methadon klaut, einen Patienten isst und in dem Krankenpflegerinnen nicht nur zum Pflegen von Kranken da sind. Fünf Tage und 21 Stunden später kam vom gleichen Absender eine e-Mail mit dem Inhalt „[…] Sollte sich Einzelne oder eine Gruppe von euch durch unser Fanvideo diskriminiert oder gar beleidigt fühlen, möchten wir uns dafür hiermit aufrichtig entschuldigen und stehen jederzeit für Diskussionen und Gespräche bereit. Damit ist das Wesentliche gesagt. […]“. Das Wesentliche worüber? Wir fassen zusammen.

Verfasser beider Mails ist die zur FS Med gehörende AG Medimeisterschaften, welche die Teilnahme Lübecks mit nach eigenen Angaben 400 Mitfahrern bei der gleichnamigen Veranstaltung organisiert. Die Medimeisterschaften sind ein Mitte Juni stattfindendes und aus einem Fußballturnier für Medizinstudenten hervorgegangenes Festival. Über den Schwerpunkt herrscht Uneinigkeit. Das Stupa-Protokoll vom Januar verzeichnet Beschreibungen für ein Fußballturnier, ein Vernetzungstreffen und eine Spaßveranstaltung. Nach den diesjährigen Medis beschreibt die AG Medimeisterschaften das Event auf jeden Fall als gelungen. Bei phänomenaler Stimmung und bester Laune sei das Feedback außerordentlich positiv gewesen.

Wie die Medimeisterschaftsorganisatoren anderer Unis hat auch die AG Medimeisterschaften ein Fanvideo veröffentlicht. Dies sei Teil der Fankultur des Festivals und diene dazu, das eigene Motto vorzustellen, erklärt Kareem Farhan aus dem Organisationsteam. Die Lübecker Medis sind in diesem Jahr als Metzger aufgetreten. Für die Videos gebe es keine Standards und die Unis können vollkommen kreativ sein. Und so kommt es, dass die hanseatischen Metzger in einem Video vorstellt werden, das der Präsident unserer Uni, Professor Lehnert, als „unwürdig, patientenverachtend und sexistisch“ bezeichnet.

Auf dem Verteiler bleibt das Video nicht lange alleine. Am 2. Juni stellt der AStA in einer e-Mail klar, das Video entspreche „in keinem Falle die Meinung aller studentischen Gremien und schon gar nicht der gesamten Studierendenschaft“. Insbesondere distanziert man sich in der über den Account des Vorsitzes verschickten Mail vom dargestellten Ärztebild, von würdelosen Darstellungen des Pflegepersonals und der Patienten und von sexistischen Anspielungen. Die AG antwortete, es sei „gewollt und füg[e] sich recht nahtlos in das Gesamtbild der anderen Fanvideos und der Veranstaltung selbst ein“, dass das Video extrem und überspitzt wirke. Man solle die Bilder im Kontext einer Spaßveranstaltung verstehen. Und man hätte sich gewünscht, vor Versendung der AStA-Mail von diesem angesprochen zu werden. Dennoch entschuldigen sie sich bei allen, die sich potentiell angegriffen gefühlt haben und beenden so das initiale Aufregerthema. Unklar ist jedoch, ob sich damit auch gremienintern Uneinigkeiten wie beispielsweise Ärger über fehlende Kommunikation gelegt haben. Die AG Medimeisterschaften schreiben, für sie sei das Thema nach einem „sehr guten Gespräch mit den beteiligten Gremien am 14.6.“ abgeschlossen. Der Vorsitz des AStA möchte jedoch auch kurz vor Redaktionsschluss noch keine Fragen beantworten. Die Langzeitwirkungen werden wohl erst in den kommenden Semestern absehbar.

Auch auf Ebene der universitären Gremien war das Video kurzzeitig Thema. Professor Lehnert erwähnt in seiner Antwort auf die Frage des StudentenPACKs, dass das Video in der Sitzung des Senatsausschusses Medizin am 6. Juni angesprochen wurde. Dies jedoch anscheinend in einer Art und Weise, dass der im Medi-Video mitspielende Professor Klotz drei Tage später auf unsere Nachfrage lediglich antwortete, er „könne im Moment leider keine Stellung nehmen“. Letztendlich haben sich jedoch keine personellen Konsequenzen ergeben. Professor Westermann, der das Video nur vom Hörensagen kennt und so eine Beobachterrolle einnimmt, verallgemeinert im Gespräch mit dem StudentenPACK das Thema und fordert, darüber zu reden, welchen Stil wir an unserer Uni pflegen wollen. Bisher hat diese Diskussionen zumindest die Öffentlichkeit nicht erreicht.

Auch sonst sind die Folgen der Aufregung in den Gremien eher gering. Aus dem AStA wird eine gemeinsame Stellungnahme mit den Medimeisterschaften angekündigt. Diese soll nach Redaktionsschluss und vor Veröffentlichung dieses Textes herausgegeben werden. Grundlegende Neuigkeiten sind jedoch nicht zu erwarten. Die AG-Medimeisterschaften antworten uns, sie könnten sich vorstellen, ein Video wie die Metzgerei noch einmal zu drehen. Sie betonen jedoch, dass ihre Lehre aus der Diskussion ist, dass der Bezug zu den Medimeisterschaften stärker dargestellt wird. Für das nächste Video ist ein Disclaimer angekündigt, der ankündigt, dass sich „Medizinstudenten über Medizinstudenten lustig machen“ und dies nicht ernst genommen werden dürfe.

„Im Endeffekt ist es immer nur ein Video, in dem man sieht, was man sehen möchte“, fasst die AG-Medimeisterschaften zusammen. Das inzwischen offline genommene Video hat gezeigt, dass auch auf dem Campus vermeintliche Kleinigkeiten das latente Potential besitzen, tiefe Gräben aufzureißen. Auch wenn diese Debatte nur ein Sturm im Wasserglas war und mittlerweile höchstens noch Gremieninterne Bedeutsamkeit besitzt … die Themen werden wiederkommen.

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