Anteil der Studierenden, die ihre eigene Gesundheit als „gut“ oder „sehr gut“ einschätzen. Nach zwei Jahren ist dieser Anteil am niedrigsten. Was ist da los?entnommen aus dem „Bericht zur gesundheitlichen Lage der Studierenden im Fach Humanmedizin 2015“ der AG Studierendengesundheit des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie.

Anteil der Studierenden, die ihre eigene Gesundheit als „gut“ oder „sehr gut“ einschätzen. Nach zwei Jahren ist dieser Anteil am niedrigsten. Was ist da los?

Bei einem von fünf Studierenden wird eine psychische Störung diagnostiziert, allen voran die Depression. Kein Wunder also, dass knapp vier Prozent der Studierenden Antidepressiva einnehmen oder sie fast doppelt so häufig wie junge Erwerbspersonen der gleichen Altersgruppe einen Psychotherapeuten aufsuchen. Diese Daten veröffentlichte im vergangenen Jahr die Techniker Krankenkasse in ihrem jährlichen Gesundheitsreport, dessen Schwerpunkt 2015 das Thema Studierendengesundheit war. Schadet Studieren also der Gesundheit, insbesondere der psychischen?

Mit dem Lübeck University Students Trial, besser bekannt als LUST-Studie, läuft seit 2011 in Lübeck eine alle Studienanfänger einschließende Längsschnitt-Studie. Diese verfolgt nicht nur die Entwicklung der Gesundheit während des Studiums, sondern soll vor allem die Frage „Was hält Studierende gesund?“ beantworten. Die alljährliche Nachbefragung mittels Online-Fragebogen fand erst kürzlich wieder statt – eine gute Gelegenheit, einmal die bisherigen Ergebnisse der LUST-Studie unter die Lupe zu nehmen.

Teilgenommen haben inzwischen schon 1512 Studierende aus fünf Studienjahrgängen – eine beeindruckend hohe Zahl an einer so kleinen Universität. Eine so groß angelegte Längsschnittstudie zur Studierendengesundheit wie in Lübeck sei deutschlandweit einzigartig, erklärt Dr. Thomas Kötter. Er leitet die für die LUST-Studie verantwortliche Arbeitsgruppe Studierendengesundheit am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie. Kötter betont aber auch: „Bisher handelt es sich um eine reine Zustandsbeschreibung, weil die erste Kohorte ihr Studium noch nicht abgeschlossen hat.“

Die diesjährige Nachbefragung war zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses noch nicht vollständig ausgewertet, sodass die vorliegenden Ergebnisse lediglich auf den Studienanfängern der Jahrgänge 2011 bis 2014 basieren. Die nach dem ersten Studienjahr erhobenen Daten sind deswegen zurzeit belastbarer (1265 Teilnehmer) als beispielsweise die nach dem vierten Studienjahr erhobenen (191 Teilnehmer). Auch wenn deswegen noch keine Aussagen zur Signifikanz einzelner Beobachtungen getroffen werden können, zeichnen sich doch schon Trends ab. Die Ausgangslage stellt die Selbsteinschätzung der Erstsemesterstudierenden in der Vorwoche dar. Zu diesem Zeitpunkt schätzen 78% der MINT-Studienanfänger ihre allgemeine Gesundheit als „gut“ oder „sehr gut“ ein, bei den Medizinstudierenden sind es sogar 89,1%. Welchen Einfluss dabei die Vorwochen-Euphorie oder eine im Vorkurs aufkommende Angst vor Überforderung auf die Selbsteinschätzung haben, lässt sich leider nicht feststellen.

"Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster" zeigen, wie Studierende mit den Belastungen ihres Studiums umgehen. Nach vier Jahren Studium finden sich 60% der MINT-Studierenden in einem Risikomuster wieder. entnommen aus dem „Bericht zur gesundheitlichen Lage der Studierenden im Fach Humanmedizin 2015“ der AG Studierendengesundheit des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie.

„Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster“ zeigen, wie Studierende mit den Belastungen ihres Studiums umgehen. Nach vier Jahren Studium finden sich 60% der MINT-Studierenden in einem Risikomuster wieder.

Unabhängig vom Studiengang zeigen die Ergebnisse der bisherigen Befragungen, dass sich die Gesundheit der Studierenden im ersten und zweiten Studienjahr kontinuierlich verschlechtert: Nach vier Semestern schätzen ungefähr 20% weniger ihre Gesundheit als „gut“ oder „sehr gut“ ein. Naheliegende Erklärungen für diesen „Tiefpunkt“ der Gesundheit gibt es genug: Bei den Medizinern steht nach zwei Jahren das erste Staatsexamen an, für das erst nach dem Bestehen aller Prüfungen am Ende des vierten Semesters die Zulassung erteilt wird – der Druck auf die Studierenden dürfte zu diesem Zeitpunkt folglich größer sein als irgendwann zuvor. In den MINT-Studiengängen warten am Ende des vierten Semesters mit den letzten Klausuren in Grundlagenfächern wie Analysis und LADS ebenfalls nicht die leichtesten Prüfungen. Im späteren Verlauf des Studiums verbessert sich in allen befragten Studiengängen die Gesundheit wieder, erreicht allerdings nicht die Ausgangswerte vom Beginn des Studiums.

Zudem scheinen sich Mediziner, betrachtet man den gesamten Verlauf des Studiums, immer als gesünder einzuschätzen als die MINT-Studierenden. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit entspricht dieser Trend der Wahrheit“, kommentiert Thomas Kötter diese Beobachtung, die noch nicht statistisch ausgewertet wurde. Das müsse allerdings nicht daran liegen, dass MINT-Studierende kränker als Medizinstudierende sind, sondern könne beispielsweise auch damit zusammenhängen, dass Medizinstudierende sich an den Patienten messen, mit denen sie im Studium zu tun haben, und infolgedessen als gesünder einschätzen.

Unter den Medizinstudierenden steigt der Anteil derer, die sich von ihrer Arbeit distanzieren und schonen im Laufe des Studiums deutlich.entnommen aus dem „Bericht zur gesundheitlichen Lage der Studierenden im Fach Humanmedizin 2015“ der AG Studierendengesundheit des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie.

Unter den Medizinstudierenden steigt der Anteil derer, die sich von ihrer Arbeit distanzieren und schonen im Laufe des Studiums deutlich.

Auch sogenannte „Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster“ werden im Rahmen der LUST-Studie abgefragt. Vier Muster werden dabei unterschieden: „Gesundheit“ stellt den Optimalfall dar und ist gekennzeichnet durch hohes Engagement im Studium bei ausgeprägter Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen und einem positiven Lebensgefühl. Beim Muster „Schonung“, das auch noch als gesund angesehen wird, ist das Engagement für die Uni vermindert, während Lebensgefühl und Belastbarkeit gut sind. Davon abzugrenzen sind die Risikomuster „Überforderung“ und „Burnout“. Bei beiden ist die Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen reduziert und das Lebensgefühl eher eingeschränkt; bei der Überforderung kommt ein überhöhtes Arbeitsengagement hinzu, während das Burnout-Muster von Resignation und reduziertem Einsatz charakterisiert wird.

Erstaunlich ist, dass 28,5% der Medizin- und 39,4% der MINT-Erstis ihr Studium schon mit einem ungesunden Verhaltensmuster beginnen. Bei den Medizinern entfallen dabei 7,3% und bei den MINT-Erstis 17,9% auf das Risikomuster „Burnout“, das diese Studierenden klar als Risikogruppe identifiziert: „Das Risikomuster Burnout ist eine Sackgasse“, sagt Thomas Kötter, „dass jemand von diesem Muster in ein gesundes wechselt, kommt nur selten vor.“ Mit dem besten Gesundheits-Muster starten nur 37,7% der MINT-Erstis und etwas mehr als die Hälfte (56,2%) der Mediziner ins Studium.

Unter den verhältnismäßig schlecht ins Studium startenden MINT-Studierenden seien die Rücklaufquoten bei den Befragungen leider stets deutlich niedriger als bei den Medizinern gewesen, sodass wegen der solideren Datengrundlage zunächst die Gesundheit der Medizinstudierenden weiter untersucht worden sei, so Kötter. Um für die MINT-Studierenden einen größeren Anreiz zur Teilnahme an der Nachbefragung zu schaffen, gab es als Belohnung für die Teilnahme dieses Jahr zum ersten Mal nicht ausschließlich Gutscheine für die Buchhandlung Hugendubel, sondern alternativ auch für die Stadtbäckerei Junge. Ob diese Maßnahme den relativen Rücklauf verbessert hat, stand zum Redaktionsschluss noch nicht fest, die absolute Teilnehmerzahl aus den MINT-Studiengängen ist aber gestiegen. Berücksichtigt werden muss bei dieser Angabe allerdings auch, dass ein Studienanfänger-Jahrgang hinzugekommen ist.

Die LUST-Studie läuft inzwischen seit fünf Jahren – wir haben mit Dr. Thomas Kötter von der AG Studierendengesundheit über die bisherigen Ergebnisse gesprochen.Johann Mattutat | StudentenPACK.

Die LUST-Studie läuft inzwischen seit fünf Jahren – wir haben mit Dr. Thomas Kötter von der AG Studierendengesundheit über die bisherigen Ergebnisse gesprochen.

Zu den genaueren Untersuchungen der Gesundheit von Medizinstudierenden gehört die Suche nach Faktoren, die zur Vorhersage von guter Gesundheit bei Studierenden nach dem ersten Studienjahr herangezogen werden können. Als bedeutendster Prädiktor für generelle Gesundheit nach dem ersten Studienjahr wurde in der LUST-Studie regelmäßige sportliche Aktivität (Odds Ratio 4,58) identifiziert, gefolgt von Ausgeglichenheit und mentaler Stabilität (OR 1,2) und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben (OR 1,18). Ein höheres Alter (OR 0,85) und das Streben nach Perfektion (OR 0,76) wirkten sich eher negativ auf die Gesundheit aus. Für eine gute seelische Gesundheit scheinen auch die Ausprägung bestimmter Persönlichkeitszüge oder die Fähigkeit, sich emotional von seiner Arbeit zu distanzieren, eine Rolle zu spielen.

Basierend auf den Ergebnissen der LUST-Studie sollen Impulse zur Verbesserung der Gesundheit im Studium gegeben werden. Bisher werden zwei Wahlfächer angeboten, eins davon speziell für Medizinstudierende (Gesundheit und Wohlbefinden für Medizinstudenten und Ärzte) und das andere für alle Studiengänge (Gesund durch’s Studium). „Wir möchten allen Studierenden einen kleinen Schubs geben, sich mal über ihre eigene Gesundheit Gedanken zu machen, am besten gleich zu Beginn des Studiums“, erklärt Thomas Kötter. Das werde ab dem Wintersemester auch in weiteren Studiengängen mit ECTS-Punkten belohnt, zudem ende der Kurs deutlich vor der Klausurenzeit, um keinen zusätzlichen Stress aufzubauen. Was man da so lernt? Unter anderem geht es um die Physiologie von Stress, Prüfungsvorbereitung und Neuroenhancement, außerdem werden verschiedene Entspannungstechniken ausprobiert. Sport als Wahlfach zur Gesundheitsförderung, für das ECTS-Punkte vergeben werden, wird es leider auch in Zukunft nicht geben – wäre aber auch zu schön um wahr zu sein.

Weiterhin wurde der Mediziner-Stundenplan in der Vorklinik basierend auf den im Rahmen der Semesterevaluation erhobenen subjektiven Bewertungen der Studienbelastung umstrukturiert: Nun unterscheidet sich die Pflichtstundenzahl auf dem Papier zwar deutlich zwischen den Semestern, die von den Studierenden wahrgenommene Belastung sei aber relativ konstant.

Von der Teilnahme an der Studie profitieren letztlich also wieder die Studierenden – nachfolgende Jahrgänge langfristig durch das Angebot zusätzlicher Präventionsangebote und angepasste Curricula, die Teilnehmer direkt durch den Fünf-Euro-Gutschein.

Um in Zukunft zusätzlich zu den im Fragebogen erhobenen Daten auch beispielsweise Stresshormonlevel oder Unterschiede im funktionellen MRT auswerten zu können, hat die Arbeitsgruppe Studierendengesundheit zusammen mit Arbeitsgruppen aus dem Center for Brain, Behavior and Metabolism (CBBM) die LUSTplus-Studie entwickelt. Für die Teilnahme an der LUSTplus-Studie kommen alle in Frage, die auch an der LUST-Studie teilnehmen dürfen. Wer es bei der Teilnahme an der Online-Nachbefragung verpasst hat, nun aber doch teilnehmen möchte, kann sich per Mail an gesundstudieren@uni-luebeck.de wenden.

Noch keine Kommentare, sei der Erste!