Flüchtlinge vor Griechenland

Abdul Albitar* hat seinen Eltern nicht gesagt, wie klein das Schlauchboot sein würde, mit dem er versucht, auf die griechische Insel Symi zu kommen. Der 21 Jahre alte Syrer aus Homs flieht wie so viele andere über das Mittelmeer nach Europa. Er hat lange gewartet, so lange wie er konnte, doch aus Angst, zum Militärdienst eingezogen zu werden, beginnt er im April seine Flucht.

Im September treffen wir Abdul auf der Walli. Die gelbe Warnweste weist ihn als einen der ehrenamtlichen Dolmetscher aus und als wir ihn in einer ruhigen Minute fragen, wie es dazu kam, dass er hier ist und übersetzt, erzählt er uns seine Geschichte:

Eigentlich, sagt Abdul, sei Homs immer eine eher sichere Region gewesen. Doch als er auf seinem Smartphone einen Stadtplan aufruft und mit dem Finger Linien über das Display zieht, um uns zu zeigen, was mittlerweile alles zerstört wurde, können wir nur zu gut nachvollziehen, warum er nicht dort bleiben wollte. Ganz abgesehen davon, dass er ständig mit der Angst lebte, von der syrischen Armee eingezogen zu werden.

Sein erstes Ziel auf dem Weg nach Europa ist Izmir, wo er nach einem Schlepper sucht. „Es gibt Orte in der Stadt, an denen wirst du gefragt, ob du nach Europa gehen möchtest“, erzählt er, und so kommt es, dass Abdul schon kurz darauf auf dem Weg in den Südwesten der Türkei ist. Keine zehn Kilometer Mittelmeer trennen hier stellenweise das türkische Festland von den griechischen Inseln, doch mit fünfzehn Personen in einem kleinen, wackeligen Schlauchboot ist die Überfahrt alles andere als eine lustige Kreuzfahrt. Einer der anderen Passagiere fällt in Küstennähe aus dem Boot und auf einen Stein, bricht sich aber glücklicherweise nur den Arm und kann seine Flucht fortsetzen.

Niemandsland

Als sie die kleine Insel Symi erreichen, ist die Erleichterung groß: Der gefährlichste Teil der Reise scheint geschafft zu sein und sie sind in der EU! Trotzdem empfindet Abdul erst die darauffolgenden Stunden als die schlimmsten während seiner ganzen Flucht. Denn von dem Platz im kargen, felsigen Niemandsland, an dem sie aus dem Boot klettern, ist es noch ein weiter Fußmarsch bis zum Hauptort der Insel. Dass der die Überfahrt organisierende Schlepper pro Person nur ein Gepäckstück erlaubt hatte, ist plötzlich fast eine Erleichterung. Vier Stunden lang ist die Gruppe um Abdul ohne etwas zu trinken unterwegs, bis sie ihr Ziel erreicht.

Im Hauptort der Insel warten sie anschließend drei Tage auf eine Fähre, die sie ans griechische Festland bringen soll. Bis dahin bleiben sie sich selbst überlassen, keine offizielle Organisation oder Behörde fühlt sich für die Flüchtlinge zuständig und so findet auch keine Registrierung statt. Nach der Fahrt mit der Fähre macht Abdul sich auf die Suche nach einem neuen Schlepper, um weiter in Richtung Deutschland zu kommen. Auf dem Omonia-Platz in Athen gäbe es zum Beispiel etliche Schlepper, die einen weiterbringen könnten, erzählt Abdul, doch in der Nähe dieses Platzes würden sich auch Gangs, Dealer und viele Polizisten herumtreiben, sodass er sich dort nie wohlfühlt, manchmal sogar Angst hat, in eine Auseinandersetzung zu geraten.

Parla Italiano?

Abduls Weg von Homs nach Deutschland führte ihn quer durch Europa.Fabian Schwarze | StudentenPACK.

Abduls Weg von Homs nach Deutschland führte ihn quer durch Europa.

Abdul möchte nicht über die Balkanroute, sondern mit dem Flugzeug weiter in Richtung Deutschland reisen. Er findet auch einen Schlepper, mit dem er sich einig wird und der ihm mit einem gefälschten italienischen Pass die Ausreise aus Griechenland ermöglichen möchte. Als Abdul auf dem Weg ins Flugzeug vom Bordpersonal auf Italienisch angesprochen wird und darauf nicht sinnvoll antworten kann, fliegt seine Täuschung auf. Statt zur Polizei wird er allerdings nur weggeschickt, sodass er erneut mit seinem Schlepper Kontakt aufnehmen kann. Der Vertrag, den die beiden miteinander geschlossen haben, sieht vor, dass der Schlepper Abdul die Ausreise und nicht bloß den Versuch der Ausreise ermöglicht. Für die 4000 Euro, die, wie Abdul betont, ein guter Preis sind, muss der Schlepper ihn seinem Ziel auch wirklich näher bringen. Mit einem weiteren gefälschten Pass, dieses Mal einem spanischen, versucht Abdul an einem anderen Flughafen noch einmal sein Glück. Dieses Mal wird er nicht angesprochen und erreicht unbehelligt Barcelona.

Von jetzt an läuft alles wie am Schnürchen: Mit dem Zug reist er nach Lyon, von dort über Paris nach Frankfurt. Am zwölften Tag seiner Odyssee durch Europa kommt Abdul schließlich in Berlin an. Hier trifft er nach sieben Jahren zum ersten Mal seine Schwester wieder, die damals zum Studieren nach Deutschland ging und ihre Familie wegen des Bürgerkriegs in Syrien nicht besuchen konnte. Abdul ist, ohne in einem anderen Land als Flüchtling registriert zu werden, an seinem Ziel angekommen. In Berlin beantragt er Asyl.

 

Millionen

Plakat an der WalliFabian Schwarze | StudentenPACK.

Plakat an der Walli

Im Jahr 2014 haben im Durchschnitt täglich 42.000 Menschen die Entscheidung treffen müssen, aus ihrer Heimat zu fliehen. So waren weltweit 59,9 Millionen Menschen Flüchtlinge, dies ist die höchste jemals von der UN-Flüchtlingshilfe registrierte Zahl. 38,2 Millionen von ihnen sind Vertriebene im eigenen Land, sie flüchten aus einer Region ihres Landes vor Konflikten in eine andere, in Syrien im Jahr 2014 allein über sieben Millionen. 1,8 Millionen Menschen warten in einem Land, in dem sie angekommen sind, auf den Abschluss eines Asylverfahrens. 19,5 Millionen flüchten aus ihrem Land. Die Hälfte dieser Flüchtlinge kommt aus den Staaten Syrien, Afghanistan und Somalia. Menschen, die aus diesen Ländern flüchten müssen, finden ihre Bleibe meist nicht in Europa sondern in der Türkei, in Pakistan, Jordanien, Äthiopien, im Libanon und im Iran. Zusammen boten diese sechs Länder im Jahr 2014 sieben Millionen geflüchteten Menschen (35 Prozent aller Flüchtlinge außerhalb ihres eigenen Landes) eine Unterkunft.

Zu wenig Europa in der EU

Im Verhältnis dazu relativ wenige Flüchtlinge kamen 2014 nach Europa. 626.000 Menschen beantragten 2014 in Europa Asyl, darunter 216.000, die den gefährlichen Weg über das Mittelmeer wagten. Über 100.000 Geflüchtete kamen aus anderen Staaten Europas wie dem Kosovo, Serbien oder Albanien. Lediglich etwas mehr als der Hälfte aller Asylanträge wurden genehmigt.

Doch im Jahr 2015 eskalierte die Lage in Syrien und im Irak, die Lager in Jordanien, im Libanon und in der Türkei sind längst überfüllt. Nach aktuellen Schätzungen der UN wird die Anzahl von Flüchtlingen, die 2015 in Europa Asyl beantragen, sich mindestens verdoppeln. Demnach werden Ende des Jahres ungefähr so viele Personen über das Mittelmeer geflüchtet sein wie 2014 überhaupt in Europa ankamen. Ihnen steht dann ein Asylverfahren bevor. Wie dieses in Deutschland funktioniert haben wir in einem gesonderten Artikel beschrieben.

2015 wurde die „Flüchtlingskrise“ eines der dominierenden Themen in der Politik und den Nachrichten. Nicht nur, weil mehr Menschen denn je flüchteten, sondern insbesondere, weil wir sie nun nicht mehr ignorieren konnten. 2015 war das Jahr, in dem Politiker erfolglos um wirksame „Verteilungsschlüssel“ rangen, mit populistischen Forderungen den Stammtisch bedienten und in dem der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker resigniert feststellen musste, dass es in der Europäischen Union sowohl an Europa als auch an Union fehlt. 2015 war das Jahr, in dem tausende Freiwillige aufstanden und, weil es der Staat nicht konnte oder nicht wollte, für menschenwürdige Verhältnisse sorgten. 2015 war aber auch das Jahr, in dem sich die Anzahl flüchtlingsfeindlicher Anschläge in Deutschland drastisch erhöhte.

Am 2. Januar warfen bis heute Unbekannte eine Rauchbombe in eine Flüchtlingsunterkunft in Grabau. Im Januar schossen zudem sechs Fremdenfeinde in Porta Westfalica mit Paintball-Waffen auf eine Flüchtlingsunterkunft, in Dresden und Wasenberg wurden Flüchtlinge angegriffen. Im Februar brannten Unterkünfte in Eschenberg und Coesfeld. In Freiberg wurde ein Sprengstoffanschlag auf eine Unterkunft verübt. Der Täter in Eschenburg war geständig und wurde später zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. In den anderen Fällen sind die Täter weiterhin unbekannt.

Schon zu Beginn des Jahres war das Thema „Flüchtlinge“ genauso wenig zu ignorieren wie die Tatsache, dass die Zeiten ausländerfeindlicher Ressentiments und Bilder wie aus Lichtenhagen in den Neunzigern, doch noch nicht aus Deutschland verschwunden sind.

 

Flüchtlinge im Bornkamp?

Eine geplante Erstaufnahmeeinrichtung sorgt im Bornkamp für Streit.Johann Mattutat | StudentenPACK.

Eine geplante Erstaufnahmeeinrichtung sorgt im Bornkamp für Streit.

„Land plant Erstaufnahme für Flüchtlinge im Bornkamp“ titelten die Lübecker Nachrichten am 21. April – eine unerwartete Nachricht für die Bewohner des Hochschulstadtteils und des Bornkamps. Mit den Menschen im Stadtteil hatte weder die Stadt, der die Flächen gehörten, noch das Land, welches die Einrichtung bauen wollte, die Thematik besprochen.

„Am Anfang war die große Frage erst einmal ‚Was ist eine Erstaufnahmeeinrichtung‘ – und es entstand das Gefühl, nicht informiert worden zu sein“, erinnert sich die für den Hochschulstadtteil verantwortliche Pastorin Katja von Kiedrowski. Nach der anfänglichen Überraschung habe man zuerst angefangen, Antworten zu den daraus entstehenden Fragen zu recherchieren.

Der geeignete Bornkamp

Eigentlich sollte hier längst eine Erstaufnahmeeinrichtung gebaut werden...Johann Mattutat | StudentenPACK.

Eigentlich sollte hier längst eine Erstaufnahmeeinrichtung gebaut werden…

Der Bornkamp – das ist nicht nur die Endhaltestelle der Buslinie 2, sondern auch ein Wohngebiet, das seit 2007 bebaut wird. Hier leben inzwischen etwa 1700 Menschen, die meisten davon in ihren eigenen Häusern. Die angekündigte Erstaufnahmeeinrichtung sollte auf einer Wiese zwischen dem Real-Markt und dem Wohngebiet, direkt neben der Bahnhaltestelle Hochschulstadtteil, entstehen. Diese Fläche, die ursprünglich mal ein Sportplatz werden sollte, für den sich aber nie ein Sportverein gefunden hatte, lag am Eingang zur Siedlung brach. Nachdem das Land beschloss, sowohl in Flensburg und Kiel als auch in Lübeck eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Uninähe zu bauen, wurden in Lübeck 20 mögliche Bauplätze untersucht. Der Bornkamp schien am geeignetsten, auch weil das Grundstück im Besitz der Stadt war, sodass ein Verkauf schnell realisierbar schien.

Die geplante Anlage war für 600 Asylsuchende in ihren ersten sechs Wochen in Deutschland konzipiert und sollte im Frühjahr 2016 eröffnet werden. Erste Pläne waren bereits erstellt, zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht öffentlich präsentiert worden. Sie wurden lediglich im Bauausschuss der Stadt besprochen – eine Tatsache, die später von vielen kritisiert wurde.

Zeitnah nach Veröffentlichung des Zeitungsartikels kochten die Emotionen hoch. Viele Bürger seien erst einmal von der Größe der Anlage überwältigt gewesen, erinnert sich Pastorin von Kiedrowski. 600 Plätze entsprechen ungefähr dem eineinhalbfachen der Wohnheime in der Anschützstraße. Doch nicht alle lehnten das Vorhaben ab, von einigen Bewohnern des Stadtteils gab es auch klare Zustimmung. Die Skeptiker waren es jedoch, die zuerst organsiert auftraten und unter anderem im Umfeld der Schule nahe des Bornkamps dazu aufriefen, sich Freitagabends auf der vorgesehenen Wiese zu versammeln. Zu dieser Veranstaltung kam auch Silke Karmann. Karmann befürwortete den Plan, eine Erstaufnahme zu bauen und berichtet uns, wie erstaunt sie über die massive Welle an Ablehnung war, die sie unter ihren Nachbarn gar nicht vermutet hätte.

Zwei Gruppen, kein Konsens

Silke Karmann (Zweite von Rechts) engagiert sich für Flüchtlinge.Johann Mattutat | StudentenPACK.

Silke Karmann (Zweite von Rechts) engagiert sich für Flüchtlinge.

Ausgehend von diesen Treffen bildeten sich zwei Gruppen. Auf der einen Seite die Bürgerinitiative „Neue Heimat Bornkamp“, Pastorin von Kiedrowski zufolge ein Sammelbecken nicht nur für Skeptiker, sondern auch für Menschen mit klar ablehnender, von vielen auch als fremdenfeindlich verstandener, Haltung. Auf der anderen Seite fand sich die Gruppe „WiHLlkommen!“ wieder, in welcher sich auch Silke Karmann organisierte, die eine Erstaufnahmeeinrichtung im Bornkamp befürwortete. Ein Konsens zwischen beiden Gruppen erschien unrealistisch, die Grundeinstellungen waren zu verschieden.

Erst Ende Mai – also einen Monat nach Veröffentlichung der Nachricht – veranstaltete das Land Infoveranstaltungen und beantwortete Fragen zum Projekt. Die Bürgerinitiative „Neue Heimat Bornkamp“ hatte es dabei zur Grundfrage gemacht, ob es möglich sei, mehrere kleine Anlagen verteilt zu errichten. Die geplante Größe von 600 Plätzen erschreckte viele. Entsprechend erregt war die Diskussion beispielsweise bei der Veranstaltung im voll besetzten Audimax der Uni oder in der MuK. Aufgeheizt wurde die Stimmung auch durch teils fremdenfeindliche Kommentare der Fragesteller und Applaus für viele der skeptischen Wortmeldungen. Die Bürgerinitiative hatte rote Karten angefertigt, welche sie, begleitet von Buh-Rufen, bei den Redebeiträgen von Befürwortern hochhielten. Das Land wies die Gegenvorschläge der Bürgerinitiative mit der Begründung zurück, eine derartige Einrichtung müsse eine Mindestgröße von 500 Plätzen besitzen, da der Bund als Betreiber dies vorraussetzte.

Gesprächsrunde

Daneben gingen auch stadtteilinterne Gespräche weiter. Beispielsweise war ein Ergebnis der von Pastorin von Kiedrowski ins Leben gerufenen Gesprächsrunde, dass Räume zum Zusammentreffen mit Flüchtlingen fehlen – ein Missstand, den die Pastorin auch auf das gesellschaftliche Leben im Stadtteil verallgemeinert. Sie kritisiert, dass die Bürgerinitiativen keine Räume anmieten konnten, sondern auf von Privatpersonen gestellte Räume zurückgreifen mussten.

Die Fronten verhärteten sich, der Unwille der „braven Siedlungsbürger“ (Die Welt) fand überregional Aufmerksamkeit. Während sich das Land und die Stadt gegenüber der Presse genau wie bei den öffentlichen Veranstaltungen siegessicher zeigten, versagte die Lübecker Politik bei der Umsetzung des Planes in Gänze.

Nachdem eine Entscheidung über den Beschluss in den verschiedenen Ausschüssen immer wieder vertagt wurde, entschied sich die Bürgerschaft am Ende gegen die geplante Erstaufnahmeeinrichtung. Mit Gegenstimmen von CDU, FDP, Linken, Piraten-Partei und Freien Wählern sowie der Enthaltung der Grünen wurde der Verkauf des Geländes an das Land in der letzten Juni-Woche abgelehnt. Nach dieser Entscheidung gab auch das Land seine Pläne für die Wiese am Bornkamp auf. Die Fraktion der Grünen überlegte einige Tage zu spät, dass eine Zustimmung zum Verkauf richtiger gewesen wäre – womit man grünes Licht für den Bau der Erstaufnahmeeinrichtung gegeben hätte.

 

Nachts träumte ich meist vom Krieg

Im Sommer häuften sich die Anschläge auf Unterkünfte und Flüchtlinge. In den Nachrichten blickten wir entsetzt nach Heidenau oder Nauen. Doch Anschläge gab es auch in Lilienthal, Hamburg, Tröglitz, Chemnitz, Berlin, Dippoldiswalde, Limburgerhof, Zossen, Hoyerswerda, Meißen und, mitten in die ohnehin aufgeheizte Stimmung, Ende Juni in Lübeck. Soweit zum Zeitpunkt des Schreibens bekannt, hat die Polizei lediglich in Zossen Tatverdächtige ermittelt. Aus München macht der NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe wieder Schlagzeilen. Zschäpe, der Mittäterschaft bei zehn Morden mit rechtsextremem Hintergund zur Last gelegt wird, versuchte ihre Anwälte loszuwerden.

Zug der Hoffnung

Die Politik debattierte über sichere Herkunftsländer und europäische Solidarität. Mit Zügen kamen tausende Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg nach Deutschland, nachdem sie in Bukarest an einem Bahnhof gestrandet waren, die Medien sprachen vom „Zug der Hoffnung“. Vom Krieg traumatisierte Familien, viele mit jungen Kindern, sollten in Deutschland nun Stabilität und Frieden finden. Wer sie aus den Zügen steigen sah, hoffte, dass sie die schlimmste Zeit hoffentlich hinter sich haben, ahnte aber auch, dass sie unvorstellbar schwere Zeiten noch vor sich haben.

Wir rufen Umes an. Umes ist Arzt im Rhön-Klinikum Bad Neustadt an der Saale und heißt eigentlich Umeswaran Arunagirinathan und wenn man ihn nach seiner Herkunft fragt, sagt er, er komme aus Hamburg. Er klingt auch so als komme er aus Hamburg. Vor neun Jahren, als er noch in Lübeck Medizin studierte, hat Umes ein Buch veröffentlicht und wer es gelesen hat, weiß, dass Umes ursprünglich aus Sri Lanka kommt. Dort wurde er geboren, von dort ist er im Alter von zwölf Jahren geflüchtet, nach dort schickt er noch immer Geld um seine Familie zu unterstützen. Vieles von dem, was wir uns nur vorstellen können, wenn wir die Flüchtlinge aus den Zügen steigen sehen, hat er selbst erlebt.

Allein auf der Flucht

Integration geglückt: Umes kam als Dreizehnjähriger nach Deutschland, inzwischen ist er Arzt.Umeswaran Arunagirinathan

Integration geglückt: Umes kam als Dreizehnjähriger nach Deutschland, inzwischen ist er Arzt.

Auch Umes ist vor Bürgerkrieg geflohen. Der Bürgerkieg im Inselstaat Sri Lanka begann 1983, da war Umes vier Jahre alt, und dauerte Jahrzehnte an. In seinem Buch „Allein auf der Flucht – Wie ein tamilischer Junge nach Deutschland kam“ beschreibt Umes auch das Leben als Kind im Krieg:

Eines Nachts weckten mich meine Eltern. Sie sagten, dass ich sofort aufstehen müsse, Soldaten kämen ins Dorf. Ich hatte große Angst. Von draußen hörte ich Geräusche, aufgeregte Stimmen und laute Schritte. Dann, weit entfernt, das Geräusch eines Hubschraubers. Das ganze Dorf war in Aufruhr. […] Wir versteckten uns im Hof hinter einem Bananenbaum. Bananenbäume haben große, palmenartige Blätter, die vor den Hubschraubern einen guten Sichtschutz bieten. Es ging das Gerücht um, dass sie durch ihren hohen Wassergehalt die Wucht einer einschlagenden Rakete abfedern könnten, aber das ist Unsinn. […] Wir legten uns flach auf den Boden, rührten uns nicht und hielten uns die Ohren zu. Es waren unzählige Einschläge zu hören und es war so laut, dass ich den Eindruck hatte, als gingen die Geschosse direkt neben uns nieder. Dann hörten wir Schreie und beteten, dass wir am Leben blieben. Nach einer Stunde flog der Hubschrauber davon und die Menschen kamen wieder aus ihren Verstecken.

Die Schreie wurden immer lauter. Die Kinder einer benachbarten Familie, die sich in ihrem Haus versteckt hatte, waren von einer Rakete getroffen worden. Mein Freund wurde am Bein verletzt, seine Schwester war sofort tot.

Im September veröffentlicht die Bundespolizei in Bayern ein Bild, welches von einem syrischen Flüchtlingskind gezeichnet wurde, es zeigt die Zerstörung im Land, die Bomben, die Angst. Wer das Buch von Umes liest, erkennt das Bild wieder. Es ist daher für den Leser leicht nachvollziehbar, wenn Umes‘ Eltern in den frühen Neunzigern beschließen, ihren Sohn in Sicherheit zu bringen.

Über Afrika nach Deutschland

Umes' Flucht nach Deutschland dauerte acht Monate und war geprägt von Warten und Umwegen.Fabian Schwarze | StudentenPACK.

Umes‘ Flucht nach Deutschland dauerte acht Monate und war geprägt von Warten und Umwegen.

Seine Flucht nach Deutschland dauert acht Monate. Lange Zeit sitzt er im Togo fest, wo seine Schlepper ihn unter furchtbaren hygienischen Zuständen ausharren lassen. Er hat kaum Geld. Seinen dreizehnten Geburtstag „feiert“ er in einem fremden Land ohne seine Familie. Einige andere Tamilen, die mit ihm im Togo festsitzen, sterben bevor Umes endlich mit gefälschten Dokumenten nach Nigeria gebracht wird und von dort nach Deutschland fliegen kann. Umes gelangt nach Deutschland, doch damit ist nicht alles sofort gut, wie man in seinem Buch lesen kann:

Nachts träumte ich meist vom Krieg. Diese schrecklichen Träume, in denen ich lauter grausame Dinge sah, ließen mich nicht los. Oft wachte ich schweißgebadet auf und war erleichtert, dass ich nur geträumt hatte. Die schrecklichen Bilder ließen sich nicht vertreiben, Nacht für Nacht sah ich sie vor mir. Wenn ich an meine Eltern dachte, fing ich an zu weinen, ohne dass ich es merkte.

Umes beschreibt weiter, wie eines Tages ein Hubschrauber an dem Haus seines Onkels in Hamburg, in dem er untergekommen war, vorbeiflog. Sofort war die Angst wieder da. Umes hielt sich panisch die Ohren zu.

Er beginnt zur Schule zu gehen in eine Klasse mit anderen Kindern, die kaum oder gar kein Deutsch können. Er lernt schnell. Als seine begrenzte Aufenthaltsgenehmigung ausläuft, setzen sich sein Onkel und das Kollegium der Schule für seinen Verbleib ein, damit er die Schule beenden und studieren kann. Er wird Klassensprecher, Schulsprecher und Mitglied der Landesschülervertretung. Nach seinem Abitur beginnt Umes das Medizinstudium in Lübeck und engagiert sich auch dort in der Gremienpolitik.

Eine Erstaufnahme für Lübeck

Am Ende des Sommers entsteht in Lübeck die Erstaufnahmeeinrichtung, die am Bornkamp verhindert wurde. Auf dem Volksfestplatz wird ein Containerdorf errichtet. Zuerst einmal für einige Hundert Menschen, doch schnell wächst es an. Der Aufbau des Containerdorfs beginnt am 10. September, schon am 12. September kommen die ersten Busse mit Flüchtlingen an, die in den Tagen zuvor über Ungarn und Östereich mit den „Zügen der Hoffnung“ nach Deutschland gekommen waren. Noch standen nicht einmal alle Zelte, Bundeswehrsoldaten, THW-Helfer, Polizisten und Mitarbeiter des Roten Kreuzes sowie der Sicherheitsdienst B.O.B. mussten in den Folgewochen gleichzeitig eine Erstaufnahme betreiben und sie weiter aufbauen.

Eine Aufgabe war auch der Umgang mit Spendern. Im Minutentakt parkten die Autos schon am ersten Wochenende nach der Eröffnung neben dem Bauzaun, um den Rot-Kreuz-Helfern Kleidung, Essen und vieles anderes zu überreichen. In jenen Tagen mussten die Helfer meist „Nein, danke!“ sagen. Es gab keine Lagerkapazitäten. Heute werden die Spenden über die Lübecker Kleidersammlungen koordiniert.

 

Die Festung ist offen

Im späten September einigen sich die Verantwortlichen in der EU 120.000 Flüchtlinge in Europa nach einem Schlüssel zu verteilen. Zu diesem Zeitpunkt des Jahres hat Nordrhein-Westfalen bereits 150.000 Flüchtlinge aufgenommen. Die Beschlüsse aus der EU kommentiert der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger, im Deutschlandradio als „kläglich“. Nicht alle Flüchtlinge wollen sich verteilen lassen, sie haben Verwandte, die bereits in europäischen Ländern leben und möchten zu ihnen.

Transitzentrum Walli

Christoph Kleine im Café Brazil auf der Walli. Hier werden rund um die Uhr Flüchtlinge auf der Durchreise nach Skandinavien versorgt.Fabian Schwarze | StudentenPACK.

Christoph Kleine im Café Brazil auf der Walli. Hier werden rund um die Uhr Flüchtlinge auf der Durchreise nach Skandinavien versorgt.

Christoph Kleine treffen wir Anfang Oktober auf der Walli, um mit ihm über seinen September zu reden. Er ist um kurz vor vier aufgestanden, er hatte Frühschicht auf der Walli, die ungeplant und spontan eine entscheidende Rolle in der europaweiten Verteilung von Flüchtlingen übernommen hat. Nach einem ganzen Arbeitstag ist Christoph nun wieder hier und hat sich bereiterklärt, uns die Walli zu zeigen.

Am 7. September wird in Lübeck ein Zug nach Dänemark angehalten, in dem Flüchtlinge sitzen, die nach Schweden zu ihren Familien reisen wollen. Nachdem sie sich nicht in Deutschland registrieren lassen wollen, gibt die Polizei schließlich nach und lässt sie mit dem Zug nach Dänemark reisen. Die Flüchtlinge aus dem ersten Zug werden in Dänemark angehalten und setzen ihre Reise gegen den Widerstand der Behörden zu Fuß auf der Autobahn fort. Dänemark beendet für einige Tage den Zugverkehr mit Deutschland und unterbricht damit die Route für Flüchtlinge nach Schweden. Am 9. September, inmitten des Medienchaos um die Flüchtlinge in Dänemark, erhält Christoph Kleine den Anruf, mit dem alles losgeht.

„Es sind Flüchtlinge auf dem Weg nach Schweden, können wir die zu euch schicken?“ Da habe man sich entschieden, das Café aufzumachen. Seitdem hat sich vieles getan. Wo sonst politische Gruppen ihre Treffen abhalten und Punkkonzerte stattfinden, übernachten nun Flüchtlinge, werden Kleiderspenden sortiert oder Fährtickets verteilt. Letztere wollen und können die meisten selbst zahlen, aber es gibt auch Menschen, die auf der Flucht ihr letztes Geld verloren haben. In diesen Fällen zahlt der Verein „Die Alternative e.V.“ alles, die übrigen bekommen einen Pauschalpreis. Die Walli hat sich zu einem 24-Stunden-Transitzentrum für Flüchtlinge auf dem Weg nach Skandinavien gewandelt.

Ruheplätze anstatt Punkkonzerten im Treibsand.Johann Mattutat | StudentenPACK.

Ruheplätze anstatt Punkkonzerten im Treibsand.

Täglich kommen zwischen zwei- und vierhundert Flüchtlinge an, insgesamt waren es bisher etwa viertausend. Die meisten bleiben nur wenige Stunden bis die nächste Fähre ablegt, einige bleiben über Nacht. Wenn die Flüchtlinge am Lübecker Hauptbahnhof ankommen, werden sie dort von ehrenamtlichen Betreuern und Dolmetschern in Empfang genommen. Deren Einsatz und Wichtigkeit hebt Christoph besonders hervor. Auf der Walli angelangt werden sie zunächst mit dem Nötigsten versorgt, mit heißen Getränken, einer Mahlzeit und falls nötig mit warmer Kleidung. Nicht wenige, die im norddeutschen Herbst ankommen, sind mit leichter Kleidung im Sommer gestartet und so fehlt es oft an allem. Anschließend werden Fährtickets für sie gebucht und falls sie über Nacht bleiben müssen, wird ihnen ein Ruheplatz zugewiesen. All das passiert in einer bemerkenswerten Atmosphäre und allgemein ist die Stimmung sehr gut. Zwar gebe es überall, wo Menschen eng gedrängt seien mal Reibereien, aber „sonst machen wir hier Punkkonzerte, da muss man mehr dazwischen gehen“, versichert Christoph.

Ein Kommen und Gehen

24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche: Transitzentrum Walli24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche: Transitzentrum WalliFabian Schwarze | StudentenPACK.

24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche: Transitzentrum Walli

Überall auf der Walli sind Freiwillige am Putzen, Kochen, Organisieren und Bauen. Die Küche ist rund um die Uhr besetzt, weil die Flüchtlinge unregelmäßig eintreffen, gibt es auch keine festen Essenszeiten. Fast immer steht im Café Brazil ein Buffet bereit. Im Café sitzen die Menschen beisammen, unterhalten sich und lachen gemeinsam. Im Treibsand, wo sonst Konzerte stattfinden, wurden sechzig Ruheplätze geschaffen und jeder Quadratmeter, der noch frei ist, dient als Lagerplatz. Das Büro wurde zur Organisationszentrale umfunktioniert, von hier wird alles zusammengehalten. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. In den Räumen über dem Café wurde neben weiteren Schlafplätzen ein Zimmer als „Arztzimmer“ eingerichtet, wo sich kranke und verletzte Flüchtlinge unkompliziert helfen lassen können.

Mittendrin sitzt uns Christoph mit einer Tasse Kaffee auf einer Bierzeltbank gegenüber und plaudert über die Geschichte des Transitzentrums. Er lässt den Blick über die spielenden Kinder schweifen und wirkt inmitten des Trubels entspannt und zufrieden, als wäre sein Traum wahrgeworden.

Niemand hätte anfangs gedacht, dass die Sache so schnell so groß werden würde, meint Christoph rückblickend, und natürlich sei es anstrengend. Gleichzeitig sei es aber auch sehr schön. „Was man hier an Geschichten mitbekommt, wenn man Leuten helfen kann, jetzt ihre Ziele zu erreichen! Es gibt Menschen, die sich auf der Flucht verloren und hier wiedergetroffen haben, Leute kamen mit kleinsten Kindern hierher! Da ist ganz viel Ergreifendes los, was glaube ich eine ganz große Belohnung für die Helfenden ist.“ Wie lange es noch weitergehen wird? „Im Moment denken wir, hoffentlich machen wir das noch mindestens bis Weihnachten, weil man jeden Tag, den diese Grenzen offen sind, nutzen muss.“ Wenn Christoph von den offenen Grenzen redet, erkennt man, dass es auf der Walli längst nicht nur um Hilfsbereitschaft geht: Transithilfe, das ist für ihn auch ein politisches Statement. „Diese Grenzen, diese Ungleichbehandlung, dass Leute um ihren Aufenthalt bangen müssen, dass sie erstmal nicht arbeiten dürfen, dass sie mit geringsten Sozialleistungen abgespeist werden – mich hat das total krank gemacht.“ Vielleicht fühlen hier viele wie er und vielleicht beziehen sie aus diesem Gefühl ihre Energie. „Dass jetzt die Grenzen offen sind“, strahlt Christoph, „ist ja wirklich wie 1989. Die Mauern der Festung Europa sind jetzt auf. Keiner weiß wie lange. Und für mich und ich glaube für noch ganz viele hier ist das total schön. Das haben wir immer gewollt. Das ist Freiheit! Die Menschen können selber entscheiden, wo sie hingehen.“

Mehrmals am Tag fahren von der Stadt bereitgestellte Busse die Flüchtlinge von der Walli zur Fähre, der letzten Station auf ihrer Reise nach Schweden. Dorthin werden sie von Betreuern begleitet, erhalten ihr Fährticket und werden verabschiedet.

Helfer gesucht!

Nicht nur außen bunt - auf der Walli ist immer was los.Fabian Schwarze | StudentenPACK.

Nicht nur außen bunt – auf der Walli ist immer was los.

All das hätte „Die Alternative e.V.“ niemals allein stemmen können. Zahlreiche Freiwillige helfen, tragen sich regelmäßig in die Schichtpläne ein oder kommen spontan vorbei. Viele Menschen bringen Spenden, seien es Hygieneartikel, Kleidung oder Brötchen. Eine Justizvollzugsanstalt aus Hamburg hat Stockbetten bereitgestellt und auch auf dem Spendenkonto des Flüchtlingsforums treffen immer wieder kleinere und größere Beträge ein. Auch von offizieller Seite gibt es Unterstützung, sei es das Gebäude des Grünflächenamts, das von der Stadt zur Nutzung freigegeben wurde oder einfach nur die Stellungnahme der Staatsanwaltschaft, keine Anklage wegen Schlepperei erheben zu wollen. Und wird noch Hilfe gebraucht? „Wir suchen immer Leute“, stellt Christoph fest. „Jemand muss die Schichten machen, der Tresen und das Café müssen immer besetzt sein, die Bettbezüge müssen jeden Tag gewechselt werden und die Klos müssen sechs- bis achtmal am Tag geputzt werden.“

Helfer gefunden

Einer, der sich zu helfen entschlossen hat, ist Abdul. In Lübeck ist er durch Zufall gelandet: Er stellte seinen Asylantrag und wurde Schleswig-Holstein zugewiesen, nach seinem Aufenthalt in der Erstaufnahmeeinrichtung Neumünster teilte man ihn Lübeck zu. An der Walli engagiert er sich nun als Dolmetscher.

Auch Stephan Wolff* ist freiwilliger Helfer auf der Walli. Eigentlich studiert Stephan und arbeitet nebenher, doch seit Mitte September trifft man ihn auch öfter in der Küche des Café Brazil. Hier kocht er für die Flüchtlinge auf ihrer kurzen Pause zwischen Zugfahrt und Fähre. „Es ist eben die Frage, was einem wichtig ist“, sagt er und erzählt beispielhaft vom islamischen Opferfest, das auch auf der Walli gefeiert wurde. Viel von den Feierlichkeiten mitbekommen hat Stephan nicht – er verbrachte die meiste Zeit in der Küche, doch die Freude und Dankbarkeit der Menschen darüber, das Fest so unerwartet doch feiern zu können, kam auch bei ihm an: „Dann nimmt jemand deine Hand, schüttelt sie und lächelt – da muss man gar nicht verstehen, was jemand sagt“, erzählt er und es ist zu spüren, wie gerne er hier ist und wie viel ihm diese freiwillige Arbeit gibt.

 

Deutschland im Herbst

Im Oktober nimmt die Gewalt gegen Flüchtlinge drastisch zu, während die Temperaturen sinken. 42.000 Flüchtlinge leben in Zelten. In Neubrandenburg, Rudolstadt, Krölpa, Dresden,Frankenberg, Freital, Cottbus, Sebnitz, Berlin und Stralsund werden Asylbewerber tätlich angegriffen. In Flensburg, Boizenburg, Trassenheide, Altheim, Bochum,Grimma, Weil am Rhein, Winterberg, Hohes Kreuz, Xanten, Dresden (nochmal, und nochmal), Burgkirchen, Dippoldiswalde, Friemar, Altena, Großhartmannsdorf,Landscheid, Ludwigshafen, Hagen, Teltow-Fläming, Bremen, Remseck am Neckar, Ahlbeck, Traben-Trarbach und in Lampertheim werden im Oktober Brandanschläge verübt. Die „taz“ zählt, bezieht man Stein-, Flaschen- und Böllerwürfe mit ein, im Jahr 2015 bis Ende Oktober 500 Anschläge. Rumänien schließt die Grenze zu Serbien.

Am 13. Oktober tritt Ralph Schönenborn, Bürgermeister des Reutlinger Stadtteils Oferdingen, zurück, weil seine Familie und er bedroht wurden. Vier Tage später wird in Köln die Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker niedergestochen, sie überlebt. Das Motiv war wohl ihre Flüchtlingspolitik als Sozialdezernentin der Stadt. In Freiberg geht am 19. Oktober eine Bombendrohung gegen eine Asylunterkunft ein. Einige Tage später deckt die Polizei in Bamberg eine rechtsextreme Gruppe auf, welche unter anderem Bombenanschläge auf Flüchtlinge geplant haben soll.

Keine Flüchtlinge auf Gleis 4

Umfunktioniert zur Flüchtlingshilfe - Der Hambuger HauptbahnhofFabian Schwarze | StudentenPACK.

Umfunktioniert zur Flüchtlingshilfe – Der Hambuger Hauptbahnhof

Die Hilfsbereitschaft in Deutschland nimmt, trotz all dieser schlechten Nachrichten, nicht ab. Wer in diesen Monaten den Hamburger Hauptbahnhof besucht, merkt, dass sich im Bahnhofsgebäude und in den Geschäften um einiges mehr Menschen aufhalten. Statt der üblichen Bahnmitarbeiter am Bahnsteig oder der ständigen Verspätungsmeldungen trifft man auf Menschen in Warnwesten und mit Walkie-Talkies. Nach dem Ausstieg erwarten einen Sprüche wie „Hier Gleis vier. Keine Flüchtlinge zu sehen“ oder „20 Leute unterwegs. Führe sie jetzt zu euch“.

Der meistfrequentierte Fernbahnhof mit über 480.000 Reisenden am Tag ist vom norddeutschen „Tor zur Welt“ zu einem Übergangspunkt für viele Flüchtende geworden. Als vor einigen Monaten die ersten Flüchtlinge begannen im Foyer der Wandelhalle zu übernachten, um die nächsten Züge Richtung Skandinavien nicht zu verpassen, war für viele die Situation klar: Hier musste etwas unternommen werden.

Etwa 700 Menschen sind allein am 29. Oktober am Hamburger Hauptbahnhof angekommen, erzählt Hakim Alkabi. Er war selbst Flüchtling. Jetzt arbeitet er freiwillig als Pressebeauftragter mit fast 200 freiwilligen Helfern am Hamburger Hauptbahnhof. Unter einer Rolltreppe in der Wandelhalle haben sie ihre provisorische Zentrale errichtet. Von dort aus koordinieren sie die Helfer, die im ganzen Bahnhofsgebäude verteilt arbeiten und bieten Hilfestellungen. Über 100 Dolmetscher sind darunter, meist ehemalige Flüchtlinge, die sich in Deutschland integriert haben. Sie sprechen Arabisch, Persisch, Paschto, Deutsch und Englisch. Eine Verständigung ist fast immer möglich. Die Helfer holen die Flüchtlinge von den Gleisen ab, helfen ihnen bei der Weiterreise, leiten sie zu den Versorgungszelten weiter und kooperieren mit Hilfsorganisationen in Hamburg und Schleswig-Holstein.

Vom Flüchtling zum Pressebeauftragten der Flüchtlingshilfe im Hamburger Hauptbahnhof: Hakim Alkabi (rechts) bei der Arbeit.Fabian Schwarze | StudentenPACK.

Vom Flüchtling zum Pressebeauftragten der Flüchtlingshilfe im Hamburger Hauptbahnhof: Hakim Alkabi (rechts) bei der Arbeit.

Es geht nicht nur darum, die Flüchtlinge aufzunehmen, sondern auch darum, ihnen die Weiterreise zu ermöglichen und dafür zu sorgen, dass niemand auf der Straße schlafen muss. Dabei sind die Kontakte zur Caritas in Hamburg und den Aufnahmezentren in Kiel, Flensburg, Rostock und vor allem Lübeck besonders wichtig. Es ist nicht nur eine Hilfe für die Flüchtlinge, sondern auch für die Stadt Hamburg, erläutert Hakim. So viele Dolmetscher in so kurzer Zeit hätte selbst die Großstadt Hamburg nicht stellen können. Täglich kommen 200 bis 700 Flüchtlinge in Hamburg an. Viele wollen so schnell wie möglich weiter. Dass die Aufgabe, die Hakim und viele weitere meistern, auch in der Hamburger Bevölkerung sehr gut aufgenommen wird, ist spürbar. Während er erzählt, kommt eine Frau mit einer großen Tüte Brötchen auf ihn zu und bedankt sich für das freiwillige Engagement.

Noch hat die Organisation keinen Namen. Nur Schilder auf Arabisch, Persisch und Paschto deuten auf die Helfer hin. Schon jetzt werden zweimal pro Woche neue Helfer in die Arbeit eigeführt. Es ist jedoch geplant in Zukunft einen Verein zu gründen, dann auch mit passendem Namen. Auch auf dem Heidi-Kabel-Platz vor dem Bahnhofsgebäude haben sich Hilfsorganisationen aufgestellt. In den vom paritätischen Wohlfahrtsverband gestellten Zelten sind eine Versorgungsstation, eine Notkleiderkammer und eine Ruhezone für Kinder entstanden.

Das Kinderzelt, welches von den Kitas in Hamburg mitbetreut wird, bietet Müttern und deren Kinder eine Rückzugsmöglichkeit. Hier können Babys gestillt werden, Kinder spielen und alle etwas zur Ruhe kommen. Im Laufe des Tages nutzen 60 bis 70 Kinder und deren Mütter diese Möglichkeit.

Nicht genug Winterkleidung

Essensausgabe für FlüchtlingeFabian Schwarze | StudentenPACK.

Essensausgabe für Flüchtlinge

Nebenan hat sich die Notkleiderkammer aufgestellt. Die Aufgabe der freiwilligen Helfer vor Ort ist es, die Flüchtenden mit den nötigsten Kleidungsstücken auszustatten. Viele Kinder kommen in Sandalen oder tragen überhaupt keine Schuhe. Auch Babys in zu dünnen Decken sind keine Einzelfälle. Die Möglichkeit, sich im kühlen norddeutschen Klima mit der nötigen Kleidung auszustatten wird gern und häufig angenommen, doch oft reicht die Kleidung trotz der täglichen Spenden nicht aus. Vor allem der bevorstehende Winter bringt Sorgen mit sich. Die Zelte sind zwar beheizt, doch selbst jetzt, wo die meisten sich noch außerhalb der Zelte aufhalten, ist der Platz knapp. Auch die Helfer sind gestresst. Da sie sich auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof positioniert haben, kommt das eine oder andere Mal das Gefühl auf, man sei im Zoo. Die Helfer und auch viele Flüchtlinge werden beobachtet und teils von Passanten fotografiert. Um die Privatsphäre aller zu schützen, ist nicht genug Platz und es sind zu wenige Helfer vorhanden.

Dabei können auch die Mitarbeiter der Polizei und des Sicherheitsdienstes der Deutschen Bahn nicht helfen. Durch die gestiegene Zahl der Bahnhofsbesucher sind zwar mehr Beamte im Einsatz, doch alles kann nicht überwacht werden. Ein Mitarbeiter der DB-Sicherheit erzählt von gestiegenen Fallzahlen von sexueller Belästigung und Diebstählen. Er weist darauf hin, dass dies vor allem an der insgesamt höheren Anzahl an Besuchern auf dem Gelände liegen dürfte, sagt jedoch, dass schon einige Konflikte aufgrund kultureller Unterschiede entstanden seien. Vor allem Schlägereien mit alkoholisierten Obdachlosen hält er für bedenklich. Auch diese stellen sich in die Schlangen der Versorgungszelte und reagieren teils aggressiv, wenn sie abgewiesen werden.

Viele der Flüchtlinge landen auf ihrer Reise von Hamburg nach Schweden auch in Lübeck, wo sie zum Beispiel auf der Walli übernachten oder rasten. Dort werden täglich neue Flüchtlinge aus Hamburg erwartet, denen die Weiterreise ermöglicht werden soll. Auf der Walli stößt man Ende Oktober sowohl logistisch als auch finanziell an die Grenzen. Inzwischen sind über siebentausend Fährtickets vermittelt worden. Weil kein regulärer Café-Betrieb und keine Konzerte mehr stattfinden, kommt kein neues Geld rein. Um das zu ändern, muss das Treibsand dringend wieder den Betrieb aufnehmen, was aber auch bedeutet, dass etwa 60 Schlafplätze verlegt werden müssen. „Die Alternative e.V.“ steht schon eine Weile mit der Stadt über die Nutzung weiterer Gebäude des Grünflächenamts in Verhandlung, bisher leider ohne Ergebnis. Man entschließt sich daher zu einem radikalen Schritt und setzt der Stadt ein Ultimatum. Am 17. Oktober wird schließlich zur Besetzung der Gebäude aufgerufen.

 

Perspektive

Abdul hofft, im Oktober 2016, wenn das Asylverfahren abgeschlossen ist, sein Informatikstudium wieder aufnehmen zu können, das er in Syrien nach einem Jahr abbrechen musste. Bis es so weit ist verbringt er seine Zeit zum Beispiel mit Dolmetschen auf der Walli. Schon jetzt ist es für Flüchtlinge möglich, an der Uni Lübeck Vorlesungen als Gasthörer beizuwohnen, sie können sich jedoch nicht regulär immatrikulieren und somit auch nicht wirklich studieren.

Am Bornkamp hat sich die zwischenzeitlich aufgeheizte Stimmung nach Ansicht von Pastorin von Kiedrowski wieder beruhigt. Silke Karmann, die vor einem halben Jahr in der Gruppe „WiHLlkommen!“ aktiv war und sich aktuell auf der Walli und in den Kleiderkammern engagiert, zieht aber auch das Résumé, dass „man jetzt mit der damals investierten Energie deutlich hilfreichere Sachen hätte machen können“.

Im Oktober kauft das Land ein privates Gelände an der Kronsforder Landstraße, um nun dort eine permanente Erstaufnahmeeinrichtung zu bauen. Sofort nach der Bekanntgabe formierte sich eine Bürgerinitiative dagegen. Die Wiese am Bornkamp ist als Standort für ein zweites Containerdorf im Gespräch.

Umes ist inzwischen Deutscher, manchmal sogar ein richtig typischer Deutscher: Über Unpünktlichkeit ärgert er sich zum Beispiel. „Ich hatte nicht nur das Ziel und den Ehrgeiz, sondern habe auch viel Glück gehabt“, sagt er und weiß natürlich, dass nicht alle Flüchtlinge so viel Unterstützung erfahren wie er. Dennoch meint er, man könne auch etwas von Flüchtlingen einfordern, Integrationswille müsse von beiden Seiten kommen. Man müsse den Flüchtlingen die Möglichkeit geben, schnell Deutsch zu lernen, dann müssten diese sich aber auch selbst einbringen, sich gesellschaftlich und politisch engagieren in dem Land, in dem sie nun seien. Er könne sich durchaus vorstellen, dass dies sogar verpflichtend gemacht werden könnte, wie ja auch bei Stipendien: Wer auf Kosten Deutschlands Sprachkurse und eine Ausbildung erhält, verpflichtet sich zur späteren Arbeit in diesem Beruf, sei es als Pfleger, als Arzt oder etwas anderes. Umes selbst ist der Beweis dafür, wie gut das nicht nur für den geflüchteten Menschen sein kann, sondern auch für das Land, in dem er angekommen ist.

Die Walli hat inzwischen nach der symbolischen, pressewirksamen Hausbesetzung zusätzliche Gebäude von der Stadt Lübeck erhalten. Ihr Ruf als solidarischer Helfer in der Not hat sich über ganz Europa verbreitet, aus Ungarn kommen Flüchtlinge gezielt zur Walli. Dank der neuen Räume können die Betten bald aus dem Zuschauerraum des Treibsands verschwinden, und wenn das turbulente Jahr 2015 zu Ende geht, soll der Punk zurückkehren.

Vieles war schlecht in diesem Jahr, doch Viele haben unsere Bewunderung verdient für ihren Einsatz, für Zivilcourage und für ihre Menschlichkeit. 2016 wird ihre Arbeit weitergehen und wir alle können dabei helfen.

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