In herausragendem Maße besser sein als alle anderen. Was auf den ersten Blick wirkt als stamme es von einem recht übereifrigen Menschen, ist im Grunde genommen einfach nur eine Beschreibung dessen, womit jeder Student in seinem Leben mindestens einmal zu kämpfen hat: ein Motivationsschreiben verfassen.

Motivation ist weit und breit nicht in Sicht.

Narzissmus pur

Man könnte ein solches Schreiben herunterbrechen auf eine – meist gewollt – sehr narzisstische Beschreibung der eigenen Person mit all den positiven Charaktereigenschaften, dem lobenswerten sozialen Engagement und allem, was andere Menschen einfach schlechter können. Dass man sich dabei nicht gut fühlen kann, wenn man sich mehr Gedanken darüber macht, wie man sich von den anderen Motivationsschreiben am besten abhebt, anstatt an Ehrlichkeit und Bescheidenheit festzuhalten, wundert wahrscheinlich niemanden. Aber eine gute Seite hat das Ganze doch: man bekommt Übung darin, andere schlechter aussehen zu lassen, ohne diese überhaupt zum Vergleich zu erwähnen, geschweige denn sie offensichtlich schlecht machen zu wollen. Das funktioniert ganz einfach durch das provokante Schönreden der eigenen Person, wobei man die Fehler, die man bei anderen sieht, bei sich selbst einfach in das Gegenteil verkehrt. Somit MUSS jede andere Person im Vergleich schlechter dastehen, denn keiner kommt an einen so perfekten, fehlerfreien Charakter heran! Diese Tatsache nur mit Worten zum Ausdruck zu bringen, kann man heutzutage sicher als eine Art Kunst gelten lassen. Aber man darf auch nicht vergessen, dass es durchaus angemessen ist, seine eigenen Schwächen – die absolut an den Haaren herbeigezogen sind, denn man ist ja unfehlbar – zu erkennen und absolut überzeugend daran zu arbeiten.

Ungeahnte Talente

Sicherlich startet das ganze Unterfangen bei vielen mit Google. Denn egal wie viele Schreiben man bereits verfasst hat, besser als das Vorherige geht doch immer und man ist in der Zwischenzeit viel weiser und manchmal auch ein komplett anderer Mensch geworden. Dementsprechend muss auch das Motivationsschreiben einen neuen Touch bekommen. Dabei findet man während seiner Suche die verschiedensten Anleitungen und Muster, kostenlos oder auch kostenpflichtig – dann aber natürlich sehr vielversprechend – mit viel allgemeingültigem Blabla und meist ohne konkrete Hinweise darauf, wie man selbst und kein anderer es perfekt machen kann. Eines muss man sich dann immer wieder eingestehen: Motivationsschreiben ähneln sich, das gehört einfach dazu. Leider hilft einem das nicht unbedingt, um in Erinnerung zu bleiben und sich somit einen Vorteil zu erhaschen. Ist es also überhaupt notwendig, ein solches Schreiben zu verlangen?

Aber natürlich! Wie sollte man sonst die Motivation von Studenten überprüfen können? Das Schreiben ist halbwegs standardisiert und man steht trotzdem vor dem gewünschten Problem: bin ich so motiviert, dass ich mir Gedanken über so etwas mache? Denn ohne die nötige Motivation wird auch ein Schreiben über jene Motivation niemals fertig. Zudem kann man sich gut Gedanken über sein bisheriges Leben machen: was hat man geschafft, wie engagiert ist man wirklich und was schreibt man, wenn man feststellt, dass man seinen sozialen Charakter doch lieber in den eigenen vier Wänden auslebt? Aber weil das noch nicht ausreicht, muss man sich auch noch Gedanken über die eigene Zukunft machen. Einen zehn–Jahres–Plan sollte jeder parat haben, bitte möglichst realistisch, aber trotzdem im Weltretter–Stil. Allerdings kann der ein oder andere dabei auch in eine kleine Identifikationskrise stürzen, denn all die schönen Dinge haben nicht unbegrenzt Platz. Häufig muss man sich mit einer DIN–A4–Seite zufrieden geben. Dann ist man gezwungen, das absolut Beste herauszufiltern und nur dieses auch zu Papier zu bringen, nichts anderes. Das lässt die Motivation – falls sie sich doch einmal hat blicken lassen – schnell wieder sinken. Schließlich möchte wahrscheinlich niemand sehen, dass sein Leben auf eine einzige Seite passt. Trösten kann man sich in diesem Fall immer noch mit der Ausrede, dass es mindestens fünf Seiten geworden wären, wenn das denn erlaubt gewesen wäre. Wahrer Optimismus zählt demnach auch zu den unverkennbaren Stärken, die man jetzt noch zusätzlich auf dieser Seite mit unterbringen muss.

Aller Anfang ist schwerLukas Ruge | StudentenPACK.

Aller Anfang ist schwer.

Abgeschickt und vergessen

Aber mal ganz unter uns… Überlegt man sich angesichts dieser Tatsachen nicht gerne, was man mit der beim Nachdenken und (hoffentlich bereits begonnenem) Schreiben verloren geglaubten Zeit anfangen könnte? Eigentlich ist man in der gleichen Situation wie in der Prüfungsphase: Hausarbeit, die sonst immer liegen bleibt, wird auf einmal wie von Zauberhand erledigt. Da kann es dann schon einmal vorkommen, dass man in der blitzblanken Wohnung sitzt und sich fragt, wie oft in der Woche es eigentlich normal ist, die Fenster zu putzen. Man ist dann vielleicht sogar geneigt, die typische Fähigkeit, sich ohne Probleme Ausweichtätigkeiten suchen zu können, als ein besonderes Talent anzusehen. Und schon hat man den Kreis wieder geschlossen, denn das könnte man sicher ebenfalls so nebenbei in einem guten Motivationsschreiben einfließen lassen.

Zuletzt stellt sich schließlich die Frage, was einem denn überhaupt Motivation verleiht. Man könnte an dieser Stelle große Reden über die inneren Bedürfnisse der Menschen schwingen, zum Beispiel das Bedürfnis, die eigenen Erfolge zum Ausdruck zu bringen und sich mit anderen Menschen zu vergleichen. Wobei bei Letzerem der Wunsch, dass man im Vergleich sehr gut dasteht, häufig von der Realität abweicht. Vor allem dann, wenn man merkt, dass es Studenten gibt, die schon viel „coolere“ Sachen gemacht haben. Aber auf eine Sache kann man sich wohl einigen: durch den entstehenden Zwang, etwas Sinnvolles zu produzieren, kann man gar keinen Spaß am Schreiben haben und sobald das Schreiben abgeschickt ist, gilt es, dieses so schnell wie möglich in Vergessenheit geraten zu lassen. Außer die Bewerbung fällt negativ aus, dann huschen die Gedanken durchaus mal wieder zum Verfassten. Manch einer mag auch das Geschriebene nochmal auf dem Computer suchen und dann auch noch ernsthaft durchlesen, was sich häufig als großer Fehler herausstellt. Witzig wird das Schwelgen in diesen Erinnerungen erst, wenn man viel Zeit – mitunter mehrere Jahre – vergehen lässt oder die Bewerbung erfolgreich war und man sich dann nur noch fragt: haben sie mir das wirklich alles abgekauft?

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